Inklusion: große Chance für neue Kooperationen
Autor: Christiana Hennemann 25. Januar 2012
Inklusion ist das Thema überhaupt und in aller Munde. Dass Inklusion mehr und anderes bedeutet als Integration anders befähigter Menschen in unsere vermeintlich „normale Umwelt“, und es auch mit abgesenkten Bordsteinen und Einstiegshilfen in öffentliche Verkehrsmittel nicht getan ist, wird nun Politikern und Entscheidern immer deutlicher. Ein die Kinderreha betreffender Bereich ist die Schule: Mit dem inklusiven Unterricht behinderter Kinder in Regelschuleinrichtungen wird der Anspruch auf Teilhabe umgesetzt.
Denn schon 1973 sagte Richard von Weizsäcker: „Es ist normal, verschieden zu sein!“ Aus soziologischer Sicht bedeutet Inklusion, dass jeder Mensch gleichwertig ist und ohne Zwang einer zu erreichenden Norm lebt. Vielmehr ist hier die Vielfalt in einer Gesellschaft normal, die jedem Menschen ermöglicht, sich mit seinen Besonderheiten einzubringen und wertvolle Leistungen für sich und die anderen erbringen zu können.
Workshop zum Thema Inklusion in Münster
Die Internationale Fördergemeinschaft rehaKIND e.V. hatte hierzu vor kurzem in Münster einen interdisziplinären Workshop angeboten. Einen Tag lang diskutierten Teilnehmer aus den Bereichen Fachhandel, Therapie, Hersteller, Pädagogik und Elternschaft die Fragen und Möglichkeiten in Bezug auf die Hilfsmittelversorgung. Da rehaKIND e.V. als internationale Fördergemeinschaft sich seit ihrem Bestehen um die Hilfsmittelversorgung im interdisziplinären Team bemüht und mit dem Essener Appell „Kinderreha ist kein Luxus sondern gesellschaftliche Verpflichtung“ eine entsprechende Resolution verfasst hat, ist das Thema Inklusion und deren Umsetzung im besonderen Fokus der engagierten Verantwortlichen.
Der Workshop sollte aufzeigen, wo die größten Probleme zu erwarten sind, Anregungen liefern für eine zu erarbeitende Position und natürlich auch bereits gut funktionierende Beispiele gelungener, also selbstverständlicher Inklusion aufzeigen und allen Beteiligten Mut machen.
Ein Teilnehmer aus den Niederlanden konnte viele „Best Practice-Beispiele“ von dort einbringen und auf Chancen eines neuen Miteinanders aller Beteiligten hinweisen.
Während Mitarbeiter aus Fördereinrichtungen und Schulen eher Angst um ihren Arbeitsplatz oder vor Überforderung haben, sind die Mitarbeiter aus dem Fachhandel noch unsicher, welchen Platz sie zukünftig bei der Versorgung einnehmen können und müssen und wie sie sich auf die veränderten Rahmenbedingungen vorbereiten können. Soll mit Inklusion eventuell auch einfach nur Geld gespart werden? Therapeuten wiederum stehen als medizinische und Reha-Fachleute „zwischen allen Beteiligten“ und müssen ihre Moderationsrolle zum einen sachgerecht bezahlt bekommen, andererseits aber auch mit dem notwendigen Wissen um Technik und Möglichkeiten versorgt werden. Insgesamt erwartet man Ideen und Konzeptvorschläge und eine Position von rehaKIND zu diesem Thema.
Kindern mit geistigen oder motorischen Einschränkungen eine selbstverständliche Teilhabe im normalen Alltag und in unserer Gesellschaft zu ermöglichen und auch eine Aufgabe zu geben, ist gesetztes gesellschaftspolitisches Ziel. Mit der UN- Resolution von 2006, dem Inkrafttreten 2008 und der Ratifizierung in Deutschland 2009 nimmt das Thema extrem an Fahrt auf, und die Gesellschaft und die Institutionen werden nun an ihrem Umsetzungswillen gemessen.
Für die Hilfsmittelversorgung tauchen viele ungeklärte Fragen sowohl bei Eltern als auch Therapeuten, Pädagogen, Herstellern und Fachhändlern auf.
Deutschland gibt mit seiner bildungsföderalen Struktur auch auf diesem Gebiet kein einheitliches Bild ab. Insgesamt hinken wir in unseren Bemühungen, das Thema umzusetzen, den europäischen Nachbarn Italien, Spanien und den skandinavischen Ländern hinterher. Bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in den verschiedenen Bundesländern sieht man jetzt schon, dass es nicht nur einen Weg geben wird und diese Wege auch unterschiedlich erfolgreich und konsequent beschritten werden.
Pädagogen müssen nicht mehr nur ihrem eigentlichen Bildungsauftrag nachkommen
Während im Kindergartenalter bundesweit noch etwa 60% inkludiert sind, werden im Grundschulalter nur noch 34% und in der Sekundarstufe 1 lediglich 15% inklusiv unterrichtet. Das wird sich massiv ändern. So kommen auf Regelschullehrer ganz neue Aufgaben bei der Betreuung hilfsbedürftiger Kinder zu, z.B. auch im Bezug auf deren Hilfsmittel. Pädagogen müssen dann nicht mehr nur ihrem eigentlichen Bildungsauftrag nachkommen. Sie müssen weitere Qualifikationen und Kenntnisse erwerben.
Das Wissen und die Erfahrung der Therapeuten, Ärzte, und des Fachhandels ist hier gefragt, um Lehrer im Bereich der Krankheitsbilder und der entsprechenden Hilfsmittel zu schulen. Einfache, leicht handhabbare Hilfsmittel, einen Ansprechpartner für Notfälle, Schulungen im Gebrauch der Hilfen, leicht verständliche Anleitungen zur Benutzung und regelmäßige Prüfintervalle sind nur einige Wünsche der Pädagogen.
Hier können Hersteller und Fachhandel mit Schulungen vor Ort diesen Bedarf decken. rehaKIND wird mit seinen Mitgliedern und Beiräten solche „Schulungen“ entwickeln und auch alle Leistungserbringerbgemeinschaften, sowie rehaionale Kinderversorger darauf hinweisen, dass man hier in den Schulen Hilfestellung geben kann und muss und so auch neue „Märkte“ erschließt. Die betreuten Schulen und Lehrer werden sicher sehr schnell eine positive Beziehung zum Sanitätshaus vor Ort aufbauen, die langfristig wirken kann, waren sich die Teilnehmer einig.
Stehtrainer und Katheter
Beispiele verschiedener Kinder und Fragen hinsichtlich der Umsetzung der Inklusion gab es auf dem Workshop vielerlei: Die kleinwüchsige Kim, die mit ein paar einfachen Hilfsmitteln unterstützt, problemlos am Schulalltag teilnehmen kann und so die Chance erhält, das Abitur zu machen. Wie wird Alicia betreut werden, die mehrmals täglich den Katheter wechseln muss und es alleine noch nicht kann, aber die Einzige in der Klasse ist, die einen erhöhten Pflegebedarf hat? Wird sie weiterhin akzeptiert sein auch wenn der Katheterwechsel sprichwörtlich in die Hose geht und es unangenehm anfängt zu riechen? Wie geht die Lehrkraft damit um?
Wie wird es Kevin ergehen, der regelmäßig im Stehtrainer aufgerichtet werden muss, dessen Kreislauf aber zusammenbricht, wenn er nicht rechtzeitig aus seinem Stehtrainer heraus kommt. Im beschriebenen Fall hat die Lehrerin mit Hilfe anderer Schüler Kevin in seinem Stehständer horizontal „abgelegt“, weil sie mit dem „Gestrippe“ der verschiedenen Pelotten und Gurte heillos überfordert war und eine entsprechend geschulte Fachkraft in weiter Ferne. Kann Kevins Therapeut und das Sanitätshaus weiterhin die Versorgung übernehmen?
Wie wird die Umsetzung in technischer Hinsicht gelingen? Haben Eltern die Möglichkeit der Übersicht über das Angebot und die spezielle Ausstattung und Eignung inklusiver Schulen? Welche Formen welcher Behinderungen werden mit welchem Mix und Betreuungspersonal wo unterrichtet? Wie qualifiziert ist das Personal vor Ort?
Wie werden die Kinder bei der Versorgung mit Hilfsmitteln (immerhin Zweitversorgung) vor Ort ausgestattet werden? Und wer bezahlt Hilfsmittel, die zwar nicht medizinisch aber inklusiv bedingt notwendig werden? Muss das höhenverstellbare Untergestell mit Sitzschale täglich hin und her transportiert werden und wenn ja, wann geht den Eltern und dem Fahrdienst in solchen Fällen die Puste aus? Woher kommen die Mittel für die notwendige Barrierefreiheit der inklusiven Schulen und wie lange dauert deren Umsetzung und Beschaffung? Auch hier kann das Sanitätshaus vor Ort helfend mitgestalten – Wohnortnahe Versorgung ist auch eine Anforderung aus der UN-Resolution.
Die wenigsten Fragen können zur Zeit beantwortet werden
Am Ende des Workshoptages waren viele Fragen gesammelt, die wenigsten können zur Zeit beantwortet werden. Ermunternde Beispiele gibt es immer wieder – die föderale Struktur der Bildung in Deutschland macht eine gute „Musterlösung für alle“ quasi unmöglich, oder zumindest sehr schwierig. Ganz sicher benötigen die Eltern behinderter Kinder Informationen über die Eignung der Schulen und deren Inklusionskonzept und Ansprechpartner. Den Schulweg der Kinder inklusive benötigter Hilfsmittelbeförderung gilt es zuverlässig, sicher und kostenneutral zu organisieren.
Fazit: Inklusion hat in jedem Falle die gesellschaftliche Akzeptanz zur Aufgabe und zum Ziel. Dies zu erreichen, wird viel Mut, teilweise Humor und gesunden Menschenverstand, Kreativität, Geld und den unbedingten Willen zum Gelingen von allen Beteiligten verlangen. Das Thema wird in seiner Umsetzung viel Zeit in Anspruch nehmen. Die Internationale Fördergemeinschaft rehaKIND e.V. wird über fachkundige Positionen im Bereich der Hilfsmittelversorgung ihren Beitrag leisten – aber: Beteiligt sind wir alle!










