Stuhlinkontinenz bei Rollstuhlfahrern
Autor: Name d. Red. bekannt 30. März 2012
Tabuthema Stuhlinkontinenz bei Rollstuhlfahrern
Was, wenn der Darm nicht mehr dicht hält?
Zu diesem heiklen Thema erhielt die RehaTreff-Redaktion kürzlich einen umfangreichen Leserbrief, den wir nachfolgend abdrucken. Einen Besuch in der Unfallklinik Murnau haben wir dazu genutzt, um die darin aufgeworfenen Fragen einem Experten zu stellen. Das Interview mit Dr. Michael Lang schließt sich an die Leserzuschrift an.
Während die Inkontinenz der Blase ein Problem darstellt, über das man immer wieder Artikel in Gesundheitsmagazinen, ja sogar in allgemeinen Illustrierten liest, wird die Inkontinenz des Darmes wie ein Tabu behandelt. Gerade auch im Bezug auf Rollstuhlfahrer. Entsprechend unwissend war ich, als sich bei mir nach einigen Jahren im Rollstuhl langsam ein Darmvorfall entwickelte. Dabei handelt es sich wohl um etwas Ähnliches wie Hämorrhoiden – ich glaube, es ist schon etwas Schwerwiegenderes, aber Beschwerden und Therapie scheinen durchaus ähnlich zu sein.
Ich entdeckte zuerst nur beim Abputzen nach dem Stuhlgang ein kleines Läppchen, das ich sogar mit dem Finger wieder zurückstecken konnte, wo es meiner Vermutung nach (Ansicht hatte ich ja keine!) hingehörte. Das Läppchen wurde dann im Laufe der Jahre immer größer und machte sich zunehmend unangenehm bemerkbar. Selbst wenn der Hintern noch so gründlich gereinigt worden war, erzeugte es braune Flecken in der Unterhose, im Bett, auf dem Rollstuhlkissen; vor allem dann, wenn der Wechsel von einer Sitzgelegenheit zur anderen seitliche Schwerkräfte auf den Hintern hatte einwirken lassen. Als das Läppchen sich zu einem kleinen Lappen ausgewachsen hatte, der sich nicht mehr einfach hinten reinstecken lassen wollte, kamen auch Blutspuren dazu und Schmerzen, die sich anfangs noch mit einer speziellen Wundsalbe einigermaßen in den Griff bekommen ließen.
Gar nicht so selten bei Rollstuhlfahrern
Nicht dagegen in den Griff bekam ich die zunehmende Inkontinenz. „Scheiße!“, fluchte ich da, wenn wieder einmal eine kleinere oder größere Ladung unkontrolliert in die Hose ging. Wem muss ich die Gefühle beschreiben, die einen ausgewachsenen Menschen wieder in die Kleinkindzeit regredieren lassen! Grund für die Inkontinenz war eine zunehmende Schwäche meines hinteren Schließmuskels. Als mir das klar war, habe ich den Hintern schließlich einem Spezialisten gezeigt, einem so genannten Proktologen. „Gar nicht so selten bei Rollstuhlfahrern“, sagte der, „und übrigens sind davon häufig auch Fußgängerinnen nach vorangegangenen Operationen im Beckenbereich betroffen“. Wer hätte das gedacht! Also gab es doch den Trost, dass die Ärzte auf diesem Gebiet nicht ganz unerfahren sein sollten.
Mein Proktologe schlug mir eine Operation vor: „Da gibt es eine relativ neue Technik, die der italienische Chirurg Longo vor allem für Hämorrhoiden-Operationen entwickelt hat. Dabei wird eine Straffung der Darmschleimhaut dadurch erreicht, dass man einen etwa einen Zentimeter breiten Ring aus dem Darm herausschneidet und die beiden Enden dann mit Titanklammern wieder miteinander verbindet“. Titanklammern, das klingt gut, dachte ich bei mir; wenn ich schon einige Titansockel für Backenzähne am Anfang meines Verdauungskanals habe, warum dann nicht auch ein paar Titanklammern am Ende? Allerdings, so wurde ich sogleich gewarnt, ist nach der Operation der Zeitraum zwischen Stuhldrang und Stuhlgang empfindlich verkleinert. Die Operation verringert das Volumen des letzten Teils des Dickdarms, der wie eine bauchige Flasche die Fäkalien speichert, damit wir nicht zu häufig aufs Klo gehen müssen. Diese Warnung sollte vor allem ein Rollstuhlfahrer nicht auf die leichte Schulter nehmen, muss er doch meist, wenn er den Drang verspürt, erst ein Örtchen finden, das für seine besonderen Umstände geeignet ist.
Ins Vertrauen gesagt musste ich nach der Operation gerade das oft schmerzlich erfahren. Gerade, wenn ich zwar noch an ein geeignetes WC kam, war es beim Umsteigen aus dem Rollstuhl dann doch oft zu spät, weil der unsichere Kantonist Schließmuskel dabei ganz besonderem Stress ausgesetzt wurde und erschöpft einfach nachgab, wie ein Läufer, der kurz vor dem Ziel zusammenbricht!
Bis ans Lebensende Beutel tragen
Verzweifelt ging ich wieder zu meinem Proktologen. „Da gibt es jetzt nur noch eines: ein Stoma, auch anus praeter genannt, also einen künstlichen Darmausgang“, war die lakonische Auskunft. Sollte ich mir diese weitere Versehrung meines Körpers antun? „Ich hatte mehrere Patienten in ähnlicher Lage wie Sie“, versicherte mir der Arzt, „und sie sagten mir, nachdem sie sich in ihre neue Situation eingewöhnt hatten: 'Hätten wir vorher gewusst, wie viel einfacher das Stoma unser Leben macht, hätten wir uns schon früher operieren lassen.'“ „Geben Sie mir noch etwas Zeit!“, bat ich da den Betreuer meiner Gedärme; denn im Gegensatz zu einem Patienten mit Dickdarmkrebs, der sich nach erfolgreicher Krebsbehandlung seinen Darmausgang wieder zurückverlegen lassen kann an das ausgeruhte AL, war die Verlegung bei mir – wegen der zunehmenden Schließmuskel-Schwäche – eine Straße ohne Umkehr: einmal operiert würde ich bis an mein Lebensende die Beutel tragen (und täglich wechseln) müssen. Ein Beuteltier, würde ich fürderhin sein, ein Känguruh, das nicht sein Junges vorne trägt, sondern sein Klo!
„Nur gut, dass ich am Bauch keine Haare habe!“
Lange habe ich meine Entscheidung hinausgezögert, aber als die peinlichen Unglücksfälle immer häufiger wurden, ergab ich mich dem angeblich kleineren Übel. Die Operation verlief schnell und ohne Komplikationen, und nachdem ich die verschiedenen Optionen ausprobiert hatte, die einem die freundlichen Stoma-Therapeutinnen eröffnen (zweiteilige oder einteilige Applikation? Mit oder ohne Hautschutzring? Beutel mit großem oder mittlerem Volumen?), merkte ich, dass die neue Situation wirklich besser war als die alte. Aber trotzdem war ich nicht aller Stuhlgangssorgen enthoben. Besser war vor allem, dass die Suche nach dem geeigneten WC kein Problem mehr darstellte: seit meiner Operation bin ich auf keiner Kloschüssel mehr gesessen! Aber mein Gehirn war immer noch nicht befreit von häufigen Gedanken an die Stuhlentleerung. „Habe ich genug Beutel und Zubehör bei mir?“, muss ich mich auf Reisen fragen, und „ist der Beutel für die Nacht schon zu voll?“ fast jeden Abend. Und natürlich gibt es auch Stoma-Unfälle: Die Verklebung des Beutels mit der Bauchhaut wird undicht, ein Beutel geht einfach ab. Nur gut, dass ich am Bauch keine Haare habe, sonst müsste ich mich da auch noch rasieren!
Was würde ich jetzt einem Leidgenossen sagen, der damit ringt, ob er seinen mangelhaft dichten „natürlichen Hintern“ durch einen mit einem Beutel (meistens!) abgedichteten „außernatürlichen Vordern“ ersetzen soll, was lebenslange Klebewirtschaft bedeutet? Jetzt, nachdem ich beide Situationen lang genug kennen gelernt habe, würde ich mich tatsächlich wieder der doch recht harmlosen Operation unterziehen, also Stoma, anus praeter: Es ist die sauberere Alternative. Meine Frau und meine Pflegerin finden das übrigens auch.
Ein „gebeutelter“ RehaTreff-Leser







