Innovative Medizintechnik führt nicht automatisch zu Mehrausgaben

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Marc_KraftProf. Dr. Ing. Marc Kraft, Technische Uni Berlin

 

 

 

 

 

(KR) Innovationen im medizinischen Bereich stehen gelegentlich im Verdacht, die Gesundheitsausgaben überproportional zu erhöhen. In einem Vortrag auf der REHAB in Karlsruhe hat Prof. Dr. Ing. Marc Kraft von der Technischen Universität Berlin Beispiele von Innovationen vorgestellt, durch die das Gesundheitssystem kräftig spart.

Innovationen im medizinischen Bereich konzentrieren sich vor allem auf eine verbesserte Früherkennung von Krankheiten sowie auf Therapieverfahren, die für den Patienten angenehmer sind als bisherige Behandlungsmethoden oder schnellere Heilung gewährleisten. Zudem sollen kranke oder fehlende Organe und Körperteile unterstützt  bzw. ersetzt werden. Unter dem Kostendruck im Gesundheitssystem rückt aber mehr und mehr auch die Wirtschaftlichkeit von Verfahren in den Vordergrund. Das gilt gerade auch im Bereich der Rehabilitation.

 

Die Branche der Hilfsmittelindustrie ist durch ein wirtschaftliches Wachstum gekennzeichnet. Trotz Wirtschaftskrise konnten die rund 75 deutschen Hersteller orthopädischer Erzeugnisse (mit 50 Beschäftigten und mehr) ihren Umsatz im Jahr 2009 um rund acht Prozent steigern. Der grundsätzliche Trend dieses Teilbereiches trifft auch auf die anderen Segmente der Hilfsmittelindustrie (ca. 230 Hersteller) zu.

Im gleichen Jahr 2009 betrugen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für Leistungen insgesamt mehr als 160 Milliarden Euro. Mit 5,2 Milliarden Euro lag der Anteil der Hilfsmittelausgaben jedoch bei nur 3,2 Prozent. „Hier kann also zumindest in Bezug auf die Rehabilitationstechnik von keinem überproportionalen Ausgabenanteil der GKV gesprochen werden“, so Prof. Marc Kraft. Im 1. Halbjahr 2010 lag die Veränderung der GKV-Ausgaben für Hilfsmittel mit einem Plus von 2,9 Prozent sogar noch deutlich unter der Steigerung der GKV-Gesamtausgaben von 4,1 Prozent im gleichen Zeitraum.

Der Markt für medizinische Hilfsmittel wird nach Ansicht des Berliner Professors auch weiterhin stetig wachsen. Dafür macht er die demographische Entwicklung einerseits verantwortlich, andererseits zeigten die Menschen auch die Bereitschaft, Kosten anteilig oder sogar vollständig selbst zu übernehmen. Schon 2008 sollen 15 bis 20 Prozent der gesetzlich Versicherten nach einer SPECTARIS-Umfrage im Sanitätsfachhandel bereit gewesen sein, Hilfsmittel freiwillig ganz oder teilweise selbst zu bezahlen.

Dass medizintechnische Innovationen oftmals auch die Wirtschaftlichkeit steigern, konnte in mehreren Studien der Industrieverbände SPECTARIS und ZVEI in Kooperation mit der Unternehmerberatung Droege & Comp. und dem Fachgebiet Medizintechnik der TU Berlin anhand konkreter Produktbeispiele belegt werden. Die bisher fünf Studien der Jahre 2006 bis 2010 basieren auf Umfragen der Industrieverbände unter Medizintechnikunternehmen in Deutschland. Es wurde jeweilig abgefragt, welche Produkte und Verfahren der angeschriebenen Unternehmen unmittelbar oder indirekt zu einer Ausgabenreduktion im Gesundheitswesen beitragen. Im Jahr 2010 konnte allein anhand der Untersuchung von fünf Beispielen zur Prozessoptimierung in Krankenhäusern oder Arztpraxen ein Einsparpotenzial in Höhe von jährlich knapp 182 Millionen Euro ermittelt werden.

Dazu kamen fünf Beispiele medizintechnischer Produktinnovation, mit denen sich rund 720 Millionen Euro einsparen ließen. Zählt man die Ergebnisse der Vorgängerstudien aus den Jahren 2006 bis 2009 hinzu, summiert sich der Einspareffekt nach Angaben von Prof. Kraft auf mehrere Milliarden Euro. Einige Beispiele aus der Hilfsmittelbranche bzw. der Rehabilitationstechnik sollen nachfolgend kurz vorgestellt werden:

1. Ein Gerät mit automatischer Bestimmung des zur Behandlung des Schlafapnoe-Syndroms benötigten Beatmungsdrucks macht es möglich, ein bundesweites jährliches Einsparvolumen von ca. 6,67 Millionen Euro durch eine Verringerung des Personalaufwandes im Schlaflabor zu erreichen. Patienten, die am Schlafapnoesyndrom (OSAS) erkrankt sind, leiden stark an den Folgen häufiger nächtlicher Atemstillstände.  Diese lassen sich verhindern, wenn der Betroffene einem erhöhten Druck  bei der Atmung ausgesetzt wird. Der optimale Beatmungsdruck wurde bisher manuell in Schlaflaboren bestimmt. Das Gerät SOMNOset von Weinmann ermöglicht nun eine automatische Bestimmung und Anpassung des Beatmungsdrucks.

2. Die Fersenentlastungsorthese von Otto Bock ermöglicht die Frakturbehandlung des Fersenbeins. Diese Brüche waren bei bisheriger Behandlung mit einer Gehbeeinträchtigung von mindestens 24 Wochen verbunden. Mit der Orthese muss der Patient nur halb so lange in der Klinik bleiben. Bundesweit soll durch diese beschleunigte Therapie ein jährliches Einsparvolumen von etwa 80 Millionen Euro erwirtschaftet werden.

3. Amputationen im Mittelfußbereich werden konventionell mit orthopädischen Schuhen versorgt. Eine neuartige Silikon-Vorfußprothese (Firma Otto Bock HealthCare GmbH) verbessert nun nicht nur das Gangbild des Patienten deutlich. Der Amputierte kann damit auch deutlich preiswertere Konfektionsschuhe nutzen. Daraus ergibt sich nach Angaben der Wissenschaftler ein bundesweites jährliches Einsparvolumen von etwa 1,9 Millionen Euro.

Die genannten und weitere auf www.einsparpotenzial-medizintechnik.de gelisteten Beispiele der Studien 2006 bis 2010 belegen, dass innovative Medizin- und Rehabilitationstechnik nicht nur dem Patienten hilft, sondern auch Wirtschaftlichkeitsreserven im Gesundheitswesen haben kann. „Jedoch darf in Zukunft auch keine einseitige, ausschließlich kostengetriebene Bewertung innovativer technischer Entwicklungen erfolgen“, so Prof. Dr. Ing. Marc Kraft.

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