Gemeinsame Erklärung

Die Finanzierung der operativen Kinder- und Jugendmedizin sei unzureichend und müsse deshalb auf den Prüfstand gestellt werden. Denn die Abrechnung nach Fallpauschalen im DRG-System (Diagnosis Related Groups) spiegele nicht die tatsächlichen Kosten wider. Dadurch sei die Aufrechterhaltung einer qualitativ hochwertigen Versorgung von kranken Kindern und Jugendlichen gefährdet. Auf dieser Argumentationsbasis begrüßt die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) im Zusammenschluss mit der Vereinigung für Kinderorthopädie (VKO) und der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH) die Bundesratsinitiative des Landes Mecklenburg-Vorpommern zur besseren Finanzierung der Kinder- und Jugendmedizin. „Wir brauchen ein Finanzierungsmodell, das die besonderen Bedürfnisse von Säuglingen, Kleinkindern, Schulkindern und Jugendlichen berücksichtigt und damit kostendeckend ist. Das ist bisher nicht der Fall“, sagt DGOU-Präsident Prof. Dr. Dieter C. Wirtz, Direktor der Klinik und Poliklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Universitätsklinikum Bonn.

Die Kinderorthopädie, die Kinder- und Jugendtraumatologie und die allgemeine operative Kinder- und Jugendmedizin litten unter einem besonders starken ökonomischen Druck. Denn der Aufwand für die Therapie von Krankheiten im Kindesalter werde in 95 Prozent der Fälle wie eine Behandlung von Erwachsenen berechnet. Dabei sei die Personalintensität bei der Versorgung von Kindern wesentlich höher und die Behandlung zeitaufwendiger, weil Kinder mehr Pflege, Geduld und individuelles Einfühlungsvermögen benötigten, vor allem Neugeborene und Säuglinge. Auch die Zeit für aufklärende Elterngespräche lasse eine DRG-basierte Krankenhausfinanzierung unberücksichtigt.
Ein weiterer Kostenfaktor sei die spezielle Ausstattung: Die verwendeten Platten, Schrauben, Nägel und andere Implantate für Kinder seien wesentlich teurer. Das liege auch daran, dass sie in viel niedrigerer Stückzahl zum Einsatz kommen als bei Erwachsenen. Die Idee des DRG-Systems, dass sich durch eine Mischung der Fälle ein Ausgleich einstellt, greife nicht, da Kinder ausschließlich zeitaufwändige Patienten mit meist hohen Sachkosten seien. Das betreffe Kliniken und Abteilungen für Kinderchirurgie ebenso wie Kinderstationen in operativen Fachabteilungen. Sie alle könnten nicht kostendeckend arbeiten und müssten bei einer Neuausrichtung der Vergütung der Kindermedizin mit bedacht werden.

Das DRG-System müsse so angepasst werden, dass auf Kinder spezialisierte Zentren erhalten bzw. entstehen könnten. Denn gerade im Kindesalter sei eine exzellente Behandlungsqualität erforderlich, da dies lebenslange Folgen hat. Kinderorthopäden, Kindertraumatologen und Kinderchirurgen sprechen sich daher für die Umgestaltung der Finanzierung aus: Sie schlagen eine direkte Kostenerstattung vor beziehungsweise einen nach Alter gestaffelten Aufschlag für die Behandlung von Kindern. Entsprechend der Fachgesellschaften müsse die Finanzierung auch der hohen Quote von Notfallaufnahmen Rechnung tragen. „Circa 20 Prozent in der Kindertraumatologie und -chirurgie sind planbare Eingriffe. Ansonsten haben wir es mit Notfällen zu tun. Hier müssen wir rund um die Uhr auf alles eingerichtet sein“, sagt Prof. Dr. Dr. Peter Schmittenbecher, stellvertretender DGKCH-Präsident und Sektionsleiter Kindertraumatologie der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie und Direktor der Kinderchirurgischen Klinik am Klinikum Karlsruhe. Das generiere Vorhaltekosten für die ganze Alterspalette vom Kleinkind bis zum Jugendlichen. Auch hier müsse bei der Finanzierung nachgebessert werden.

Das Land Mecklenburg-Vorpommern will den Antrag für seine Bundesratsinitiative zur nächsten Bundesratssitzung am 18. September 2020 einbringen.


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