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Leben im jüngsten Staat der Welt

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Vom zweifelhaften Glück, ein Bein zu verlieren

Im Südsudan, dem jüngsten Staat der Welt, konnten Kriegsversehrte länger zur Schule gehen als ihre unverletzten Mitkämpfer. Manche studierten sogar, und übernehmen heute Führungsaufgaben. Außerdem spielen sie Rollstuhlbasketball und träumen von den Paralympics in London.

Gatluak_KualZwölf Jahre ist es her, dass Gatluak Kuals rechtes Bein von den Kugeln eines Maschinengewehrs zerfetzt wurde, und im Rückblick ist er fast ein wenig dankbar. Damals, 1999, füllte ihn die Verletzung nur mit noch mehr Hass auf die arabischen Regierungssoldaten aus dem Norden, die auf ihn geschossen hatten. Gatluak Kual hatte bereits einige Jahre an der Front gekämpft, die meist tief im Dschungel des heutigen Südsudan verlief. Der 17 Jahre alte Rebellenkrieger kämpfte für eine Unabhängigkeit, an die er selbst längst nicht mehr glaubte. Trotzdem hatte ihn die Verletzung deprimiert. Er war traurig und wütend gewesen, dass er seinen Kameraden nun nicht mehr helfen konnte in ihrem Freiheitskampf, dass er erst ins Militärkrankenlager von Lokchokia musste und später in das Flüchtlingslager Kakuma im Nordwesten Kenias.

 

Witze über die Beinstümpfe und Krücken

Gabriel_Galuak_bester_Spieler_2Heute sieht er das anders. Im Juli 2011 feierten seine Landsleute die Unabhängigkeit des Südsudan, und kurz zuvor war Gatluak Kual aus Kakuma zurückgekehrt. Dort hatte er zunächst die Schule und später eine Universität besucht. In Juba, der Hauptstadt des jüngsten Landes der Welt, arbeitet er heute für das Informationsministerium. Zugleich hat er 14 Rollstühle mitgebracht und organisiert als Präsident und Spieler eine Gruppe Rollstuhlbasketballer.

Als Gatluak und seine 14 Mitspieler auf dem löchrigen Betonplatz hinter der Universität von Juba auftauchen, ziehen sie schnell eine handvoll Neugieriger an. Sie schauen den Männern zu, wie sie ihre braunen Prothesen abschnallen und in ihre Rollstühle klettern, und sie scheuen sich nicht, lautstark Witze zu machen über die Beinstümpfe und Krücken der Athleten. Dann drehen die Spieler erste Runden auf dem Platz und werfen ein paar Körbe, und die spöttische Stimmung weicht einer kindlichen Begeisterung.

 

Sport ist gut zum Vergessen

Bald stehen Spielfeldrandetwa 200 Zuschauer am Spielfeldrand, nicht wenige von ihnen sind selbst kriegsverletzt. Immer wieder hält einer von ihnen einen Spieler fest und will eingewechselt werden. „Dieses Spiel erscheint mir unglaublich, es macht mich glücklich, das zu sehen“, sagt ein Zuschauer mit Krücken kopfschüttelnd. Er heißt Riag Maker und trägt ein T-Shirt, auf dem steht: „Das Blut unserer Märtyrer ist nicht umsonst geflossen“. Aber heute darf er noch nicht mitspielen. „Wir wechseln nur die ein, die am Anfang eines Trainings hier waren“, erklärt Gatluak Kual. „Wer heute nicht zum Zug kommt, taucht hier nächste Woche umso motivierter auf.“ Riag Maker will wiederkommen. Sport sei gut zum Vergessen, sagt er, und dreht sich gebannt wieder dem Spielfeld zu.

Bis auf zwei Spieler wurden hier alle im Krieg verletzt. Den meisten fehlt ein Bein, und alle haben die Kriegsjahre im Flüchtlingslager Kakuma verbracht. „Dort hatten wir jedes Wochenende Turniere und zwei Mal pro Woche Training“, erzählt ein freundlicher Riese namens John Compund. Zwei Meter zwölf misst er, wenn er sich erhebt, wackelig mit seinem Gehstock. Aber auch im Sitzen wirft er noch einen langen Schatten. Weil er schon Familie hatte, als er Anfang der 90er Jahre angeschossen wurde, konnte er die Jahre im Lager nicht so effektiv nutzen wie Gatluak Kual, der studierte.

 

Erfolgreich in einem Land ohne Jobs

John_CompoundCompund hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, heute lebt er von einer Veteranenrente, ungefähr 250 Euro alle drei Monate. Das muss reichen für ihn, seine zwei Ehefrauen und die drei Kinder. „Zuerst lege ich das Geld für die Schule und das Essen der Kinder zur Seite, dann kommen wir“, sagt er.

Unter den Sportlern ist Compund damit eine Ausnahme. Einer arbeitet bei der Kommission für Behinderte, Witwen und Waisen (SSWDWOC), einer bei der Hilfsorganisation Handicap, gleich mehrere bei der Regierung. Damit geht es ihnen besser als den meisten Südsudanesen, in einem Land, in dem es bisher nur Ansätze wirtschaftlicher Entwicklung gibt und so gut wie keine Jobs.

Auch unter den Versehrten haben Sportler eine Ausnahmestellung, sagt Dut Acuek Lual, Generaldirektor der SSWDWOC. „Nicht jeder, dem ein Bein abgenommen wird, flüchtet ins Ausland“, sagt er, und es ist schwer zu sagen, ob das Zittern in seiner Stimme auf Neid deutet oder auf eine milde Verachtung: „Die älteren, über 25 Jahre, kehrten auch ohne Bein an die Front zurück“, sagt er.

 

Behindert durch Krieg

Dann zieht er sein Hosenbein hoch und zeigt eine verformte Wade. Auch er wurde angeschossen. „Das Flüchtlingslager war natürlich attraktiver als der Dschungel, aber ich bin trotzdem an die Front zurückgekehrt. Ich wollte dafür kämpfen, dass eines Tages alle Südsudanesen so ausgebildet werden wie die Leute in den Flüchtlingslagern.“ Rund 190 000 Waisenkinder hat der monströse Bürgerkrieg nach 21 Jahren ausgespuckt, fast 60 000 Witwen und knapp 40 000 Behinderte. „Wir haben noch nicht alle registriert, weil viele Landesteile nicht erreichbar sind“, erläutert Lual. „Da werden noch Tausende dazukommen“. Seine Kommission stellt Produktionsmittel, Nähmaschinen und Dreiräder, zur Verfügung und bildet amputierte Soldaten aus, damit sie mit winzigen Unternehmen ihr eigenes Geld verdienen können. Für die Belange der Behindertensportler hat Lual nicht viel übrig.

Wenn Gabriel Galuak grinst, verziehen sich die Narben, die sonst quer über seinen Kopf laufen, zu einem Zickzackkurs. Sie zeugen nicht etwa vom Krieg, sondern von einem Ritual seines Stammes, der Nuer. Galuak ist Schatzmeister des Basketballverbands, Kapitän und bester Spieler, und er träumt davon, dieses Jahr bei den Paralympics in London zu starten. Und während die olympischen Verbände der Fußgänger zu langsam in die Gänge kommen, um noch auf Olympia zu hoffen, haben sich die Behindertensportler schneller formiert. Sie könnten sich noch qualifizieren. Das hat inzwischen auch der Sportminister verstanden. Seither zeigt er seine Behindertensportler vor, wo er kann. Das war nicht immer so. Als der frühere NBA-Profi Dikembe Mutombo zu Besuch kam, musste die US-Botschaft sanft drängen, bevor die Rollstuhlbasketballer auch eingeladen wurden.

 

Auf der Suche nach einer gemeinsamen Identität

Galuak studiert Wirtschaft an der Universität Juba. Er verspricht sich viel von mehr Sportmöglichkeiten im Land.„Sport gibt mir Energie und macht mich selbständig, aber vor allem bringt er die Leute hier im Land  zusammen“, sagt er. In der Tat ringen Vordenker im Südsudan mit der Frage, woraus sich eine gemeinsame Identität in dem neuen Land speisen soll. Der Bürgerkrieg hatte Dinka und Nuer, Acholi, Mahdi und Murle im Kampf gegen die Araber im Norden zusammengebracht. Doch seit der Unabhängigkeit treten immer mehr Differenzen zu Tage, mehr als 3 000 Südsudanesen starben allein 2010 bei ethnisch motivierter Gewalt. „Nur bei uns spielen Dinka und Nuer zusammen“, sagt Gabriel Galuak, „das klappt sonst nirgends im Land“.

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