Eine Hundeschule mit Herz
Autor: Ruth M.Nitz 14. März 2012
VITA ist eine Verpflichtung - ein Hundeleben lang
Seit elf Jahren bildet VITA e. V. Assistenzhunde aus, die Kindern und Erwachsenen mit körperlichen Behinderungen helfen, ihren Alltag zu meistern und unabhängiger zu werden. Gleichzeitig stärken sie auch das Selbstbewusstsein der Menschen mit Handicap und fördern als Türöffner ihre Integration in die Gesellschaft. Gegründet wurde der Verein von der Dipl.-Sozialpädagogin Tatjana Kreidler, die nach ihrem eigenen Konzept, der „Kreidler-Methode“, arbeitet. Für ihre Arbeit mit Assistenzhunden erhielt sie auf der VITA Charity Gala 2011 in Wiesbaden stellvertretend für das gesamte VITA-Team die Auszeichnung „Ausgewählter Ort 2011 im Land der Ideen“. Diese ist Teil eines Wettbewerbs unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten.
Als ich Tatjana Kreidler in ihrem Ausbildungszentrum in Hümmerich im Westerwald besuche, stürzen sich gleich mehrere Vierbeiner freudig auf mich. Ich erschrecke, merke aber schnell, dass sie alle „nur spielen“ wollen. „Golden und Labrador Retriever sind die idealen Hunde für unsere Arbeit“, sagt Tatjana Kreidler. „Sie sind sehr sensibel, wesensstabil, apportieren mit Begeisterung und zeigen wie keine andere Rasse den sogenannten „will to please“, den unbedingten Willen zu gefallen.“
Der Startschuss für VITA e. V. Assistenzhunde
„Wie sind Sie eigentlich auf den Hund gekommen und schlussendlich zu VITA?“, frage ich Tatjana Kreidler – ihre Antwort: „Als ich während eines Praktikums in einem Heim für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche erlebte, wie mein damaliger Hund die Gruppendynamik und das soziale Verhalten der Bewohner untereinander von Feindseligkeit in Zusammenhalt verwandelte, stand für mich fest, dass ich das Wissen um die positive Wirkung von Hunden auf Menschen in irgendeiner Form beruflich umsetzen wollte.“ Tatjana Kreidler recherchierte das, was bis dato an Literatur vorhanden war (vorwiegend US-amerikanische) und wurde in England bei den in Europa führenden Organisationen „Guide Dogs“ und „Dogs for the Disabled“ als Hundetrainerin ausgebildet. Sie schrieb ihre Diplomarbeit über „Hunde als Helfer und Heiler des Menschen“ und gründete im Jahr 2000 nach englischem Vorbild VITA e.V.
Das Schlüsselerlebnis
„Die englische Trainingsmethode überzeugte mich“, erzählt Tatjana Kreidler. „Das Entscheidende dort ist, dass es dem Hund gut geht und er durch Motivation und positive Verstärkung lernt, also durch die Belohnung erwünschten Verhaltens. Das Aha-Erlebnis für mich war eine Teilnahme an einem sog. Matching, bei dem das passende Mensch-Hund-Team ermittelt wird. Ein an MS erkrankter Mann sollte erstmals mit dem für ihn vorgesehenen Hund zusammenkommen. Der Mann war überglücklich und ging sehr liebevoll mit dem Tier um. Der Hund jedoch drehte sich immer wieder von ihm ab. Die Harmonie zwischen beiden fehlte völlig; die Chemie stimmte einfach nicht. Kurzum: Das Matching schlug fehl, weil der Hund keinen Kontakt zum Menschen fand. Ich erkannte, dass man eine Teambildung nicht erzwingen kann. Das wäre Stress für den Hund. Und ein gestresster Hund kann niemals ein guter Partner werden.“ „Also entscheiden beide, Hund und Mensch?“, frage ich. „Ja, so ist es. Nur über einen gegenseitigen vertrauensvollen Umgang wird aus ihnen ein echtes Team“, unterstreicht die Hundetrainerin.
Neu: Erstmals auch Kinderteams
Immer wieder dachte Tatjana Kreidler an die wundersame Wandlung der schwer erziehbaren Kinder und Jugendlichen durch die Begegnung mit ihrem Hund. Folglich müsste es doch auch möglich sein, Kinderteams zu bilden. In England war das ein absolutes No-go, da Kinder, so hieß es, keine Verantwortung für den Hund übernehmen könnten. „Und wie sie das können!“, untermauert sie. „Ich habe schnell gemerkt, dass ich die Methode bei der Zusammenführung von Kinderteams abwandeln musste. Die Kinder müssen sich das alles viel mehr erarbeiten, ein Kommando 10-, 15-, 20mal wiederholen, bis es schließlich klappt.“ Dabei werde viel mit Lob, Bestärkung, Futter und Kuscheln sowie mit Leckerlis gearbeitet. Auch die Eltern müssten lernen, den Hund zu trainieren und das Team zu lenken und zu leiten. „Ich möchte, dass sie verstehen, wie der Hund denkt. Es ist enorm, wie sich die Kinder entwickeln, wenn sie zum ersten Mal für sich selbst und den Hund Verantwortung übernehmen. Sprache und Konzentrationsvermögen verbessern sich eindrucksvoll.“ Und dann lächelt Tatjana Kreidler, die manchmal so ernst wirkt: „Ich werde oft als ‚Weichei’ bezeichnet, weil ich die Hunde so in Schutz nehme. Ich stehe aber dazu. Die wichtigste Frage für mich ist die nach seinem Wohlbefinden. Fehler im Miteinander der Teams sind meist auf den Menschen zurückzuführen!“
Der Team-Qualifikations-Test
Bis Mensch und Hund zusammengeführt werden, sind rund zwei Jahre im Hundeleben vergangen: sorgfältige Welpenauswahl mit Tests – eine ca. einjährige Sozialisierung in einer von VITA betreuten Patenfamilie (Heranführung der Hunde an alltägliche Situationen) – zweiphasige Ausbildung bei VITA mit Erlernen sog. Basics, gefolgt von gezieltem Training je nach den späteren Anforderungen (Dauer sechs bis zehn Monate) – Matching – sensible Zusammenführung des Teams (Dauer mindestens sechs Wochen).
Dann soll das Team im Alltag zusammenwachsen. In den nächsten drei Monaten erfolgen mindestens drei Nachbetreuungen. Schließlich müssen sich Mensch und Tier im sog. Team-Qualifikations-Test in Alltagssituationen bewähren: auf verkehrsreichen Straßen, auf dem Markt, im Geschäft, beim Ausüben praktischer Aufgaben. Im tierärztlichen Teil geht es darum, dass der Mensch die Körpersprache seines Hundes erkennt und bei Verletzungen eine Erstversorgung durchführen kann. Zum Test gehört auch die Dummy-Arbeit, eine sinnvolle Beschäftigung für den Hund, da hierbei eine natürliche Anlage des Retrievers – seine ausgeprägte Apportierleidenschaft – optimal genutzt wird. Nach bestandenem Test werden Mensch und Hund zu einem international anerkannten VITA-Team.
Die hohe Qualität der Ausbildung und der Zusammenführung machte VITA 2007 nach vier Tagen eingehender Prüfung zum zertifizierten Vollmitglied im Dachverband ADEu (Assistance Dogs Europe). Somit ist der Verein bundesweit die einzige Einrichtung, die zur Ausbildung von Assistenzhunden nach internationalen Qualitätsstandards akkreditiert ist.
Die Kosten
Die Ausbildung der Hunde kostet rund 25.000 Euro. „Als gemeinnütziger Verein erhält VITA keine öffentlichen Mittel und keine Zuzahlungen der Krankenkassen“, erklärt Tatjana Kreidler. „Wir finanzieren uns ausschließlich über Spenden, Fördermitglieder, Sponsoren und Zuwendungen, wie beispielsweise durch die Organisation 'Ein Herz für Kinder'. Die ganze Summe kann kaum jemand aufbringen. So zahlt jeder das, was ihm möglich ist. Unsere Richtlinie liegt bei 7.500 Euro. Wenn das nicht geht, trägt VITA den Rest. VITA hilft.“
Die Zukunft
Bis heute hat VITA 30 Teams ausgebildet, davon 14 Kinderteams. Jährlich werden fünf bis maximal sieben Teams zusammengeführt. Sechs Assistenzhunde sind derzeit in Ausbildung, elf Welpen in der Vorbereitung bei ihren Paten. „Mehr geht im Augenblick nicht“, bedauert Tatjana Kreidler. „Rund 140 Interessenten warten auf einen Assistenzhund. Wir brauchen mehr Personal und eine größere Ausbildungsstätte, weil wir hier aus allen Nähten platzen. Das neue Zentrum soll wegen der besseren Anbindungsmöglichkeiten im Rhein-Main-Gebiet entstehen. Der Erlös der letztjährigen VITA-Gala ist das Fundament dafür. Und dann haben wir ja noch weitere Ideen für Projekte, die wir gerne anstoßen möchten, wie zum Beispiel die Ausbildung von Therapiehunden für autistische oder geistig behinderte Kinder.“
Um zu verstehen, was VITA leistet, muss man einmal die bedingungslose Zuneigung erleben, die ein Assistenzhund seinem Menschen entgegenbringt, in die glücklichen Augen von Frieda blicken, wenn sie liebevoll mit ihren Fellow schmust und strahlend erzählt, dass sie jetzt nicht mehr allein sei, und ihre Behinderung dabei vergisst – mit Freudentränchen in den Augen. VITA ist eine große Familie, man bleibt in Kontakt, kann jederzeit kommen, egal ob Probleme auftreten oder nicht - ein Hundeleben lang.















