Schulterverletzungen bei Rollstuhlfahrern:

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Die Dauer im Rollstuhl ist entscheidend, nicht das Alter

Erstmals konnte nachgewiesen werden, dass der Verschleiß des Schultergelenks primär abhängig ist von der Länge der Zeit im Rollstuhl und weniger vom Alter der Betroffenen abhängt. Für diese Studie erhielt der Heidelberger Orthopäde Dr. Michael Akbar (Interview im RehaTreff 1/2011, Oberarzt am Zentrum für Wirbelsäulenchirurgie der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg, im Juni 2010 den renommierten Vernon L. Nickel Award der American Orthopedic Rehabilitation Association.

Die Schulter ist das mobilste aller Gelenke und übernimmt bei rollstuhlpflichtigen Querschnittgelähmten die Funktion der unteren Extremitäten. Sie wird daher von den Betroffenen bei vielen Aktivitäten des alltäglichen Lebens stark beansprucht: wenn sie den Rollstuhl antreiben, ihr Körpergewicht beim Transfer ins Auto, Bett oder aufs WC tragen, Gegenstände oft nur über Kopfhöhe erreichen (zum Beispiel Waren aus den Einkaufsregalen, oder Lasten auf Brusthöhe oder gar darüber heben). Diese meist unphysiologischen Bewegungen führen zu einer starken biomechanischen Beanspruchung der Schultergelenke. Auf Grund des anatomischen Aufbaus und des daraus resultierenden Bewegungsumfangs sind sie jedoch nicht dafür geeignet. Die Folge dieser „Last tragenden Schulter“ ist eine Ermüdung  der Schultermuskulatur, wodurch die so wichtige dynamische Zentrierung des Oberarmkopfes während der Bewegung nicht mehr gewährleistet wird, was zum vermehrten Auftreten degenerativer Veränderungen und Erkrankungen der Schultergelenke führt.

Der Zusammenhang zwischen Rollstuhlabhängigkeit und Schulterverletzungen ist einer der Forschungsschwerpunkte von Dr. Akbar. In der aktuellen Studie untersuchte er mit seinem Team mit Hilfe der Kernspintomografie, ob querschnittgelähmte Rollstuhlfahrer häufiger Sehnenrisse in der Schulter erleiden als Personen, die nicht im Rollstuhl sitzen. Teilgenommen haben 100 Rollstuhlfahrer, die durchschnittlich 50 Jahre alt und zudem seit mindestens 30 Jahren auf den Rollstuhl angewiesen waren. Die Vergleichsgruppe setzte sich aus 100 nicht-querschnittgelähmten Freiwilligen gleichen Alters und Geschlechts zusammen.

Ergebnis: 63 Prozent der untersuchten Rollstuhlfahrer erlitten im Laufe ihres Lebens einen Sehnenriss in der Schulter (Rotatorenmanschettenruptur), in der Kontrollgruppe waren es nur 15 Prozent. Mit anderen Worten: Sehnenrisse der Schulter kommen bei Rollstuhlfahrern mehr als viermal häufiger vor als bei Nicht-Rollstuhlfahrern. Auch der Zeitpunkt des Auftretens von Sehnenrissen war auffällig. In der Durchschnittsbevölkerung treten Sehnenrisse der Schulter bei rund 40 Prozent der über 70-Jährigen auf – Tendenz bei zunehmendem Alter steigend. Bei den 63 Prozent der betroffenen Rollstuhlfahrer aus der Studie rissen die Sehnen dagegen schon mit durchschnittlich 50 Jahren; die jüngsten Patienten waren 35 Jahre alt. Die Ruptur ist bei ihnen also keine reine altersbedingte Verschleißerscheinung, sondern Folge der langen Zeit im Rollstuhl.

 

INFO

Als Rotatorenmanschette bezeichnet man eine funktionell wichtige Muskelgruppe der Schulter, die am Schulterblatt ansetzt und sich dabei wie eine Manschette rund um den Oberarmkopf legt. Sie bildet das Dach des Schultergelenks und setzt sich aus vier Muskeln und deren Sehnen zusammen:

Musculus infraspinatus

Musculus supraspinatus

Musculus subscapularis

Musculus teres minor

Die Rotatorenmanschette hat wichtige Aufgaben. Sie stabilisiert die Schulter und ist für die Innen- und Außendrehung sowie zum Teil auch für das seitliche Abspreizen des Arms verantwortlich. Bei einem Rotatorenmanschettenriss reißt der Sehnenmantel dieser Rotatoren – am häufigsten betroffen ist dabei die Supraspinatussehne wegen ihrer anatomisch engen Lage unter dem Schulterdach.

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