Rollstuhlrugby
Autor: Niklas Schenck 17. März 2011
Neuseelands Rollstuhlrugby-Nationalteam will in die Weltspitze zurück
Im Rückblick erscheinen Nafi Lefonos erste Runden wie eine dieser dumpfen Zeitlupen, während derer in einem Film der Ton abgeschaltet wird, bevor etwas explodiert. Lefono hat bereits seinen Rugby-Rollstuhl angeschnallt und fährt beharrlich im Kreis um das Spielfeld, während die anderen Spieler eintrudeln – manche im Rollstuhl, wie der blond gefärbte Maori Clayton Utia mit dem Tribaltattoo auf der Schulter, andere zu Fuß mit Prothesen, wie der von Geburt an vierfach amputierte Cameron Leslie. Die riesige Turnhalle des Rehazentrums von Otara im Süden von Auckland scheint alle Geräusche zu schlucken. Sie liegt friedlich im Halbdunkel, nur an zwei Stellen bricht sich grelles Tageslicht Bahn. Dort muss Lefono sein Gesicht mit der Hand schützen. Dann versammeln sich die Wheelblacks, Neuseelands Rollstuhl-Rugby-Nationalteam, um ihr Training zu besprechen, und es wird noch ruhiger, aber nur für einen Moment. Denn mit der ersten Übung des Tages kommt auch das erste Tackle, und damit: das erste Krachen.
Ein dumpfer, krachender Aufschlag, dann liegt ein athletischer Spieler auf dem Rücken, und zwei Schiedsrichter eilen ihm zu Hilfe, damit er in sein Sportgerät zurückkehren kann. Erst als er grinst, wird klar: Genau darum geht es beim Rollstuhlrugby. Wege für die eigenen Angreifer blockieren, gegnerische Spieler stoppen, bevor sie dribbeln oder passen können, die Torlinie verteidigen bis zum letzten Armzug.
Dieses Tackle, diese Explosion in der ruhigen Halle von Otara ist der Moment, in dem das Bild von den Kriegern plötzlich Sinn ergibt, das im Internet von den Wheelblacks kursiert. Es zeigt fünf Spieler im Rollstuhl beim Haka, dem traditionellen Maori-Kriegstanz, für den sonst die All Blacks, Neuseelands Rugby-Nationalmannschaft, berühmt sind. Den Tanz, bei dem sie mit den Füßen stampfen und die Arme auf ihre Oberschenkel klatschen lassen, und bei dem sie ihren Gegnern im Mittelkreis bedrohlich nahe kommen, während sie mit weit aufgerissenen Augen und vorgestreckter Zunge brüllen: „Ka mate, Ka mate, Ka ora, Ka ora …“.
2004 führte dieser Kampfgeist die Wheelblacks ganz nach oben. Sie gewannen Gold bei den Paralympics in Athen. In den Jahren zuvor hatten sich die USA und Kanada erbitterte Duelle um die Vormacht in der Welt geliefert und praktisch jedes große internationale Finale unter sich ausgemacht. Doch Neuseeland, wo Fußgänger-Rugby Nationalsport ist, hatte im Rehazentrum von Christchurch eine kleine Gruppe von Spielern zusammengezogen, die bei den Paralympics in Athen für einen Umsturz bereit waren. „Wir mussten weniger auswechseln als andere und waren extrem eingespielt“, erinnert sich Dan Buckingham, damals einer der Neulinge, heute der Kapitän.













