Autor: Gabi Bucher 06. Oktober 2010
(Red.) In einem Artikel der Neuen Züricher Zeitung war im Frühjahr 2009 anlässlich der Verabschiedung von Prof. Volker Dietz (Paraplegie, Uniklinik Zürich) zu lesen: Der Unterschied ist beeindruckend. Während in den USA lediglich 20 Prozent der Patienten, die von einer Querschnittlähmung betroffen sind, nach dem Unfall wieder berufstätig sind, liegt dieser Wert in der Schweiz bei 85 Prozent. „In der Schweiz herrscht im Umgang mit Querschnittgelähmten eine ganz andere Kultur“, sagt zur Begründung Prof. Volker Dietz, der Ende Februar 2009 nach 17 Jahren die Leitung des Paraplegikerzentrums Balgrist an den deutschen Mediziner Prof. Armin Curt abgegeben hat.
Die RehaTreff-Redakteure haben nicht von diesen, aber ähnlich hohen Quoten bei ihrer Recherche in der Schweiz erfahren. Es führt an dieser Stelle zu weit, die Parameter dieser Quotenmessung mit hiesigen zu vergleichen. Fakt ist: Die Schweiz legt Wert auf die berufliche Wiedereingliederung und auf die Chance, sich beruflich wieder einbringen zu dürfen. RehaTreff bat die Redakteurin Gabi Bucher vom Schweizer Magazin Paracontact, ein Beispiel für die gelungene Reintegration zu beschreiben. Gabi Bucher traf in Nottwil am Sempacher See Susanna Staub, die für den RehaTreff ihre Geschichte erzählt.
Querschnittlähmung und Beruf in der Schweiz
Sie hat Power, die 31-jährige Susanna Staub. Mit einem eleganten Schlenker parkiert sie jeweils ihren Rollstuhl vor ihrem Gegenüber, die Sonnenbrille im Haar, ein Lachen auf dem Gesicht, meist guter Laune und mit Händen in steter Bewegung, wenn sie was erzählt. Sie ist interessiert, direkt und offen, was ihr auch schon mal Kritik einbringen kann. Als Kind habe sie viel Unsinn im Kopf gehabt, meint sie, aber auch schon genaue Vorstellungen, was sie mal machen wolle. Zum Beispiel in einem Hilfsprojekt in der 3. Welt mitmachen, oder Lehrerin werden, oder Zollbeamtin, alles habe sie interessiert. «Gemacht» hat sie dann aber das KV, wie die Kaufmännische Ausbildung in der Schweiz genannt wird. Da habe man schon mal was, damit könne man dann aufsteigen. Nach vier Monaten Englandaufenthalt hat sie eine Stelle in einer Bank angetreten. „Das war aber nicht mein Ding, ich hatte Mühe mit der Materie Geld“, aber sie habe sich gesagt, irgendwann gefalle es ihr ja vielleicht doch noch. Dem war nicht so, und so plante sie für 2003 eine Missionsschule in Lüdenscheid (Deutschland) zu besuchen, von welcher sie gehört hatte. Mit Obdachlosen arbeiten, ganz nahe am Mensch sein, das war ihr Ziel.
Eine energiegeladene, lebhafte junge Frau, die weiß, was sie will. Bis hierher nichts Ungewöhnliches, wäre da Ende 2001 nicht dieses Personalfest gewesen, bei dem sie auf der Bühne einen Tanz vorführen wollte. „Dabei bin ich runtergefallen, dreieinhalb Meter tief in den unteren Stock auf eine Eisentreppe. Da war das Fest schnell vorbei“, sagt sie „und mein Leben beinahe auch“. Beim Sturz hat sie sich mehrere schwere Verletzungen zugezogen: Ein doppelter Schädelbruch, ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, eine Fraktur des 1. Lendenwirbels, eine Kehlkopflähmung, ein Sehnerv ist durchtrennt worden, Atmung und Herzschlag hatten ausgesetzt. Ein zufällig in der Nähe anwesender Rettungstaucher habe „gepumpt“, wie eine Ewigkeit sei’s ihm erschienen, habe er später mal gesagt, aber er habe nicht aufhören wollen, bevor der Arzt sage, es sei zu spät. „Und wie man sieht, war’s nicht zu spät“, lacht Susanna. Halbtot sei sie ins Spital von Aarau eingeliefert worden, wo sie ihre Eltern Stunden später sahen, grau, kalt und mit starren Pupillen. „Ich erinnere mich an nichts“, fügt sie an, „aber ich bin immer noch da, voll zurück und ich liebe mein Leben!“













