Wie komme ich an den perfekten Rollstuhl?
Autor: Werner Pohl 23. September 2011
Passgenau nur durch Teamwork
Unter dem Dach der in Malsch ansässigen Firma Sunrise Medical tummeln sich einige prominente Marken, die für qualitativ hochwertige Rollstuhlversorgung stehen. Rehatreff besuchte das Unternehmen und ging dabei der Frage nach: Wie finden Rollstuhl und Benutzer zusammen?
Wenn ich beim Stadtbummel, auf Reisen, wo auch immer, Menschen wahrnehme, die sich – wie ich selbst – im Rollstuhl fortbewegen, ertappe ich mich immer mal wieder bei einem stummen Kopfschütteln: Wer um Himmels Willen hat dem Mann / der Frau denn diesen Rollstuhl verpasst? Man muss beileibe nichts von Rollstühlen verstehen, nur weil man selbst in einem sitzt, aber man sollte was von Rollstühlen verstehen, wenn man welche verkauft, denke ich mir dann. Aber da wird’s schon problematisch. Die wenigsten Menschen kaufen sich schließlich einen Rollstuhl so wie andere Leute ein Fahrrad. Man geht nicht einfach in einen Laden und sucht sich was Passendes aus. Das fängt schon damit an, dass es keine „Rollstuhlgeschäfte“ gibt. Die heißen stattdessen Sanitätshäuser, und präsentieren ihre Produkte in der Regel so publikumswirksam, dass dagegen die Urnenausstellung eines Bestattungsunternehmens sexy wirkt. Als wäre das nicht schon traurig genug, kommt erschwerend noch hinzu, dass bei der Rollstuhlauswahl ja auch der Kostenträger ein Wörtchen mitzureden hat, denn die Bedürftigen bezahlen ihr Gefährt in der Regel nicht selbst. So wird, was machbar wäre, schnell reduziert auf das, was für unbedingt notwendig befunden wird. Alles in allem ist das eine schlechte Ausgangslage, zumal wenn man bedenkt, dass eine perfekte Rollstuhlanpassung Dreh- und Angelpunkt für die Lebensqualität von Menschen ist, die sich oft genug etwas problembelasteter als andere durchs Leben kämpfen.
Am Material liegt’s nicht! Zu diesem – für Kenner der Materie freilich wenig überraschenden – Schluss kam die Rehatreff-Redaktion bei ihrem Besuch in Malsch. Dort produziert Sunrise Medical Rollstühle für die unterschiedlichsten Einsatzbereiche. Ob preiswerter Standard-Elektrorollstuhl oder ultraleichtes Aktivmodell, ob für Senioren, Athleten oder Kinder; Quickie, Zippie und Sopur sind Markennamen, die für seit Jahren im Markt bewährte Produkte stehen. Mit dem Sopur Shark produziert das Unternehmen überdies eines der populärsten Liegebikes, das in der Handbikerszene einen guten Ruf genießt.
Ein Gang durch die Fertigung offenbart, wie viel Liebe zum Detail und wie viel handwerkliche Akribie in den Produkten steckt. Modernste Fertigungsverfahren, High-Tech-Materialien, ausgeklügelte Konstruktionen, ein hochrationeller Produktionsablauf – nicht nur die komplexen, mit zahlreichen Elektronik-Komponenten versehenen E-Rollis, sondern auch und gerade die schlanken, reduzierten, leichtgewichtigen Aktivrollstühle und Handbikes demonstrieren: Was da über die Sanitätshäuser den Weg zum Anwender findet, steckt voller Möglichkeiten, an die noch vor wenigen Jahren kaum jemand gedacht hätte.
Wie lassen sich diese Möglichkeiten optimal ausschöpfen?
Winni Sigg, zuständig für Kundenservice bei Sunrise Medical und selber seit Jahrzehnten Rollstuhlfahrer, räumt ein, dass es nicht unproblematisch ist, eine wirklich perfekte Rollstuhlanpassung durchzuführen, die alle Möglichkeiten ausschöpft, die etwa ein Sopur Xenon von Haus aus mitbringt. Er bricht aber dennoch eine Lanze für die damit betrauten Sanitätshäuser. „Natürlich weisen wir keinen Endkunden ab, der ein Problem mit seinem Rollstuhl hat. Vor allem aber laden wir unsere Vertriebspartner ein, gemeinsam mit ihren Kunden zu uns zu kommen, und von unserer Erfahrung zu profitieren.“ Wissenstransfer findet darüber hinaus in Form von gründlichen Mitarbeiterschulungen statt, in denen die Angestellten von Sanitätshäusern zu Spezialisten ausgebildet werden. Dass dazu mehr gehört als sich mit Maßtabellen, Sitzneigung, Radgrößen, Sturz, Bereifung und den verschiedensten Zusatzoptionen auszukennen, verdeutlicht ein Gespräch mit Gebhart Hofstetter, Europäischer Produktmanager und ausgewiesener Elektrorollstuhl-Experte. Verglichen mit den Details, die etwa einen Quickie Salsa zu dem machen, was er für seinen Nutzer tagtäglich ist, nehmen sich Gebrauchsanleitung und Konfiguration eines Mittelklasse-PKW simpel aus. Ist aber eigentlich auch nicht verwunderlich: Wer fährt schon vom Aufstehen bis zum Zubettgehen Auto? Der Rollstuhl indes muss von morgens bis nachts passen wie eine zweite Haut.
Was mit und im Rollstuhl alles möglich ist, beweisen neben etlichen Rollstuhlroutiniers, die in der Firma arbeiten, auch dem Unternehmen verbundene Hochleistungssportler. Athleten wie Jürgen Geider und Errol Marklein stießen mit ihren Rollstühlen und Handbikes in Grenzbereiche vor, sammelten Erfahrungen, brachten diese in die Entwicklung neuer Produkte ein – nicht zuletzt damit diese im ganz normalen Alltag ganz normaler Nutzer das Beste leisten.
Damit sie das können, und da schließt sich der Kreis, braucht es die Erfahrung von Spezialisten, deren Fachwissen ermöglicht, dass jeder, der einen Rollstuhl braucht, genau den bekommt, der optimal zu ihm passt. Ein rundum gut bedienter Kunde wird letztlich also nur derjenige sein, der mit zwei Unternehmen zufrieden ist – mit seinem Hersteller und mit seinem Fachhändler.












