Schwarzwaldguide: Hans-Peter Matt

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matt_5290_Hans-Peter Matt – ein Planer für die Tourismusbranche

„Wer Barrierefreiheit möchte, muss wirtschaftlich denken“

Barrierefreiheit gewinnt im Tourismus immer mehr an Bedeutung. Nach einer Studie des Bundes gilt das in den vergangenen Jahren ganz besonders für Deutschland. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen stellen sich Tourismusverbände, Gemeinden und Gastronomen dieser Herausforderung in immer stärkerem Maße. Bei den Planungen fällt oft ein Name: Hans-Peter Matt. Der 42-jährige Schwarzwälder ist Sachverständiger zum Thema Barrierefreiheit. Seine Vision: „Ich möchte den Schwarzwald und andere Regionen spontan und individuell bereisen, ohne dass ich mich wegen meines Handicaps stundenlang informieren muss.“

Wo Hans-Peter Matt lebt, ist die Landschaft wie gemalt. Wenn er auf seiner Terasse sitzt, blickt er auf Streuobstwiesen und die hügelige Schwarzwaldlandschaft des Kinzigtals. Lange Zeit blieb es für den gebürtigen Schwarzwälder dabei, die Natur von hier aus zu erleben. Denn Hans-Peter Matt ist seit einem Autounfall vor 24 Jahren querschnittgelähmt. Damals war er mit Freunden zu einem Fußballspiel nach München gefahren. Auf der Rückfahrt schlief der Fahrer auf der Autobahn kurz ein, das Auto geriet unter einen Lkw-Auflieger. Der Kinzigtaler lag ein Jahr im Krankenhaus. Sein vierter und fünfter Halswirbel waren gebrochen. „Als Rollstuhlfahrer habe ich lange Zeit keine Möglichkeit gesehen, mich draußen aufzuhalten und Natur pur zu erleben“, erinnert sich der Tetraplegiker.

Matt_SchwarzwaldguideDas ist heute anders. Als erster Schwarzwald-Guide im Rollstuhl unternimmt er mit anderen Rollstuhlfahrern, aber auch mit Fußgängern Ausflüge durch Wälder und Moorlandschaften. Eltern mit Kinderwagen oder Senioren mit Rollator legen ja bekanntlich ebenfalls Wert auf barrierefreie Touren durch die Natur. „Natouren für alle“ ist das Motto. Zusammen mit dem Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord und dem Naturschutzzentrum Ruhestein hat Hans-Peter Matt eine gleichnamige Broschüre mit Ausflugstipps (nicht nur) für Menschen mit Behinderung herausgegeben. Sie ist bei den örtlichen Touristinfos oder beim Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord zu beziehen. „Darin finden Interessierte Informationen über Pflanzen und Tiere am Wegesrand, schöne Aussichtspunkte, aber auch über die Beschaffenheit der Wege, und mit welchen Hilfsmitteln man sie begehen oder befahren kann“, erläutert der Natur- und Landschaftsführer. Als vom Naturschutzbund, der VHS und dem Naturpark ausgebildeter Schwarzwald-Guide möchte Hans-Peter Matt diese Touren zusätzlich mit Leben füllen. Bei organisierten Ausflügen erzählt er unter anderem über Grünspecht und Siebenschläfer, Totholz im Bannwald und das Hochmoor. Eine ähnliche Broschüre gibt es übrigens aktuell ebenfalls über das Dreisamtal bei Freiburg.

Der rastlose Naturführer Matt hat auch in seinem Heimatort Haslach im Kinzigtal ein Leitprojekt zur Barrierefreiheit mitentwickelt. Über 30 Gemeinden sind inzwischen involviert. Über den Schreibtisch seines Planungsbüros mahp-barrierefrei gehen ständig neue Ideen und Anregungen, wie auch andere Tourismusregionen barrierefrei gestaltet werden können. Hans-Peter Matt ist ein Netzwerker. Ihm schwebt vor, dass in anderen Regionen ebenfalls Menschen, Planer wie er, an einer barrierefreien Welt „bauen“. Entsprechende Kontakte hat Matt augenblicklich vornehmlich in die Pfalz, ins Elsass, nach Mecklenburg-Vorpommern und sogar ins Dreiländereck Österreich/Schweiz/Italien.

Für den Tourismusverband Baden-Württemberg und den Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA prüft Hans-Peter Matt auch touristische Einrichtungen auf Barrierefreiheit. Inzwischen bieten nach seinem Wissen etwa 30 bis 40 Prozent der Unterkünfte im Schwarzwald zumindest vereinzelt barrierefreie Zimmer an. Vor zehn Jahren seien es noch etwa 10 bis 20 Prozent gewesen. Der Planer Hans-Peter Matt berät die Hotels auch, wie sie barrierefrei umbauen können. „Wichtig ist es, dass man die Forderung nach Barrierefreiheit mit wirtschaftlichen Aspekten begründet, nicht mit sozialen“, hat Matt die Erfahrung gemacht. „Wenn sie spüren, dass sie neue Kundenkreise hinzugewinnen können, dann werden sie auch aktiv.“ „Ein Problem im Schwarzwald ist aber immer noch der öffentliche Nahverkehr“, mahnt er. Bei Bussen sei oft nicht klar, ob sie Niederflurbusse sind, und mit barrierefreien Zügen komme man längst nicht überall hin. Ziel sei es, dass die Gemeinden die Barrierefreiheit genauso wichtig nehmen wie Ökologie oder Brandschutz. So finden sich im dicht beschriebenen Terminkalender des 42-Jährigen zahlreiche Schulungen und Sensibilisierungsseminare für Gemeinden oder Tourismusregionen.

Der Anteil der Privatpersonen mit Handicap, die Hans-Peter Matt beim Umbau des eigenen Häuschens berät, liegt nur bei etwa 10 bis 20 Prozent. Dennoch ist er der Meinung, dass sich solch eine Beratung jeder leisten kann, weil sie sich gut über die Pflegekasse abrechnen lässt. Wer durch sein Haus in Haslach geht, merkt schnell, dass hier ein Experte am Werk war. Weil das ganze Haus komplett rollstuhlgerecht gestaltet ist, kann er als Tetraplegiker allein in seinen eigenen vier Wänden leben. Und in seiner Garage befindet sich ein ganzer Fuhrpark. Zahlreiche Fortbewegungsmittel für Menschen mit Handicap kann man hier ausleihen. Denn direkt vor der Tür beginnt der barrierefreie Kinzigtal-Radweg. Auch darüber hat Hans-Peter Matt natürlich eine Broschüre mit verfasst. Allgemeine Informationen zu Übernachtungsmöglichkeiten und Touren soll es künftig verstärkt auch auf der Internetseite schwarzwald-barrierefrei.de geben, die sich noch im Aufbau befindet.

Die Broschüren „Natouren für alle“ und „Kinzigtal-Radweg für alle“ sind beim Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord, Tel. 07449 913054 erhältlich, die Broschüre über das Dreisamtal bei der Tourist-Information Dreisamtal, Tel. 07661 907980.

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