Zurück ins Arbeitsleben
Autor: Katja Rosdorff 23. September 2011
„Ich mache meinen neuen Job genauso wie jeder andere“
Wer durch Krankheit oder Unfall sein Leben völlig neu ordnen muss, steht vor allem auch vor der Frage, wie es beruflich weitergehen kann. Sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben in der Regel die Absolventen von Qualifizierungen an einem Berufsförderungswerk. In Bad Wildbad im Schwarzwald gibt es ein BfW, das sich auf Querschnittgelähmte spezialisiert hat.
Peter Wuhrer ist gerade erst 18 Jahre alt, als ein Autounfall sein Leben grundlegend verändert. Gegen 21.30 Uhr fährt er an jenem Abend eine Bekannte heim. Sein dunkelblauer VW Scirocco kommt von der Straße ab und rutscht eine Böschung entlang – Totalschaden. Wuhrer muss von der Feuerwehr aus dem Wrack befreit werden. Er hat innere Verletzungen, etliche Brüche, der Schlimmste ist der des ersten Lendenwirbels. Acht lange Monate verbringt er in der BG Klinik Tübingen, danach muss sich der durch den Unfall querschnittgelähmte Kfz-Mechaniker-Lehrling aus Starzeln auf der Schwäbischen Alb beruflich neu orientieren.
Zwar nicht ganz so von heute auf morgen, aber auch relativ plötzlich muss sich Tanja Detterbeck aus Rheinfelden im Jahr 2008 einen neuen Beruf überlegen. Die heute 29-Jährige hat eine Krankheit, die Muskeln und Nerven schwächt. Zu Beginn bemerkt sie, dass sie nicht mehr so gut laufen kann, langsamer ist als sonst. ,Das kommt sicher, weil ich zugenommen habe‘, denkt sie anfangs. Doch als es nicht besser wird, geht sie zum Arzt. Spastische Spinalparalyse, kurz HSP, teilen ihr die Ärzte nach einem Jahr Untersuchungen als Diagnose mit. Diese gesundheitliche Störung beruht auf einem Gendefekt. Ihre Arbeit in einer Apotheke als Pharmazeutisch Kaufmännische Angestellte (PKA) muss Tanja Detterbeck nach fünf Jahren Tätigkeit aufgeben.
Peter Wuhrer und Tanja Detterbeck haben sich beide für eine neue Ausbildung im Berufsförderungswerk entschieden. Das BfW Bad Wildbad ist eines von 28 Berufsförderungswerken bundesweit. Es hat sich auf die Betreuung von Gehbehinderten und Querschnittgelähmten spezialisiert.
Der heute 37-jährige Peter Wuhrer hat sich nach seinem Unfall in Bad Wildbad zum Industriemechaniker ausbilden lassen. Er fand sofort Arbeit und zog in sein eigenes Häuschen. Doch irgendwann kam die schwere Konjunkturkrise, auch Peter Wuhrer wurde entlassen. „Für Mechaniker gab es kaum noch berufliche Möglichkeiten“, erinnert sich der dynamische Blonde aus dem Killertal. 16 Jahre nach seiner ersten Ausbildung hat er deshalb im BfW Bad Wildbad noch einen weiteren Beruf gelernt. Diese Ausbildung hat er im Januar 2011 abgeschlossen und danach gleich eine neue Stelle gefunden. Heute arbeitet er als Technischer Zeichner und Teilkonstrukteur bei der Karl-Hipp GmbH in Burladingen-Ringingen, fast direkt bei ihm daheim vor der Tür. Die Firma stellt Bauteile für Maschinen und Medizintechnik her.
Tanja Detterbeck absolviert noch ihre Umschulung zur Industriekauffrau am BfW Bad Wildbad. „Als ich hier ankam, habe ich erst einmal an einer zweiwöchigen Berufsfindung teilgenommen“, erinnert sich die Frau aus dem Dreiländereck. Arbeitserprobung heißt diese Phase offiziell auch. Die Interessenten für eine berufliche Qualifizierung oder Neuorientierung schauen dabei zusammen mit Ausbildern des BfW, Psychologen und Arbeitsmedizinern, welche beruflichen Möglichkeiten es für sie gibt. Grundlage sind persönliche Neigungen und Fähigkeiten und natürlich auch die körperliche Verfassung aufgrund von Krankheit oder Behinderung. Neben körperlich gehandicapten Menschen entscheiden sich in Bad Wildbad oft auch psychisch Kranke für eine neue Ausbildung. Am Ende der Berufsfindung und Arbeitserprobung steht ein Gutachten für die Kostenträger. Das sind meistens die Rentenversicherung, die Arbeitsagentur oder die Berufsgenossenschaft.
Zur Auswahl stehen nur Berufsausbildungen und Qualifizierungen, die den Absolventen auch gute Chancen auf eine neue Stelle im 1. Arbeitsmarkt bieten. Die Palette reicht von handwerklichen Tätigkeiten wie Uhrmacher oder Goldschmied über kaufmännische Berufe bis hin zu IT-Ausbildungen. Neuester Beruf im Angebot ist der Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste.
Bevor sie ihre Umschulung zur Industriekauffrau begann, hat Tanja Detterbeck einen mehrmonatigen Reha-Vorbereitungskurs absolviert. Dort hat sie unter anderem Mathe und Deutsch aufgefrischt und sich wieder an einen normalen Arbeitstag gewöhnt. Seit Januar läuft nun ihre eigentliche Umschulung zur Industriekauffrau. Die meiste Zeit sitzt sie am Schreibtisch einer Übungsfirma. Der Bürojob ist genau das Richtige für sie, denn das Laufen fällt ihr schwer. Wenn sie zur Krankengymnastik oder Massage geht, nimmt sie ihre Nordic Walkingstöcke zur Hilfe. Aber sie hat es nicht weit. Denn Ärzte und Therapeuten gibt es im gleichen Gebäude.
Das BfW Bad Wildbad bietet eine bundesweit einmalige Kombination von beruflicher und medizinischer Rehabilitation an. Die angegliederte Heinrich-Sommer-Klinik ist mit 44 Einzelzimmern eine relativ kleine Rehabilitationseinrichtung für Querschnittgelähmte. Die enge Verbindung von beruflicher Neuausrichtung und medizinischer Rehabilitation bietet einige Vorteile: „Wir können sehr individuell auf die Patienten eingehen und ihnen sehr frühzeitig wieder eine berufliche Perspektive bieten“, erläutert Wolfgang Dings, Geschäftsführer des BfW Bad Wildbad. Die Nähe zu Therapeuten und Ärzten hat auch Peter Wuhrer in Bad Wildbad als sehr positiv empfunden: „Schnell mal ein Rezept vom Arzt besorgen, ist gar kein Problem.“
Die Ausbildung am BfW Bad Wildbad setzt sehr auf die praktische Erfahrung. Die Absolventen werden sehr individuell betreut. Das gilt auch für soziale und psychische Probleme, die die Teilnehmer außerhalb des Unterrichts und der medizinischen Versorgung bewegen. Auch wird viel Wert auf die Vermittlung von sozialen Kompetenzen gelegt. „Wichtig ist uns, dass die persönliche Leistungsfähigkeit und die Wünsche unserer Rehabilitanden mit den Anforderungen eines zukünftigen Arbeitsplatzes übereinstimmen“, fast Wolfgang Dings zusammen.
Tanja Detterbeck bewohnt ein Einzelzimmer direkt im Haupthaus des BfW. Nur am Wochenende fährt sie heim zu ihrer Familie. Unter der Woche nutzt sie abends die Freizeitangebote des BfW, am liebsten Aquafitness und Schwimmen. In ihrem zweiten zu Hause hat sie eine Gruppe netter Leute gefunden, mit denen sie auch mal Pizza essen geht oder DVDs anschaut.
Die meisten der rund 180 Teilnehmer an den BfW-Ausbildungsangeboten in Bad Wildbad sind im Alter zwischen Ende 20 und Anfang 40. „Vor dem Hintergrund des Demografischen Wandels und der Rente mit 67 sollen die Berufsförderungswerke aber auch verstärkt älteren Arbeitnehmern Qualifizierungsangebote machen“, hat Geschäftsführer Wolfgang Dings die Vorgabe von den Kostenträgern erhalten.
Die Abschlüsse am Berufsförderungswerk sind bei den Unternehmen voll akzeptiert. Oft sind die Absolventen bei den Abschlussprüfungen sogar Kammerbeste. Das BfW Bad Wildbad hat eine über die Jahre konstante Vermittlungsquote von 70 Prozent. Das heißt, etwa 70 Prozent der Absolventen finden innerhalb von zwei Jahren eine feste Stelle auf dem 1. Arbeitsmarkt. Auch für Peter Wuhrer war es überhaupt kein Problem, gleich nach seiner Weiterbildung wieder einen neuen Job zu finden. Nur 13 Bewerbungen hatte er geschrieben und schon im nächsten Monat das erfolgreiche Vorstellungsgespräch gehabt. Seine Erfahrung ist allerdings, dass man sehr aktiv an die Sache herangehen muss: „Ich habe meine Mappe persönlich vorbeigebracht und gleich nach dem Chef gefragt“. Dass er im Rollstuhl sitzt, hat Peter Wuhrer nur ganz am Rande erwähnt. Schließlich ist er ja in seinem Beruf genauso leistungsfähig wie ein Fußgänger. Dem stimmt seine Chefin Anna-Rosa Hipp voll und ganz zu: „Herr Wuhrer ist teamfähig, belastbar und er hat eine schnelle Auffassungsgabe.“ Deshalb stellte die Firma Peter Wuhrer sogar ein, obwohl sie aktuell gar keine neuen Mitarbeiter suchte. Dass er dann doch erst drei Monate später anfangen konnte, lag allein an den Kostenträgern für eine Treppen-Raupe, die angeschafft werden musste, damit Wuhrer eine steile Treppe überwinden konnte. Die Genehmigung lief über drei Ämter. Die Arbeitsagentur verwies an die Rentenversicherung, diese erklärte das Integrationsamt sei zuständig. Dieses ließ Wuhrer und seine Chefin einen fünfseitigen Antrag ausfüllen. Dann stellte sich heraus, dass doch die Rentenversicherung zuständig ist. Und die ließ dann nochmal ein Formular ausfüllen. „Ich würde mir wünschen, dass so etwas doch zügiger über die Bühne geht“, sagt Anna Rosa Hipp. Doch das ist für sie auch die einzige Einschränkung, die mit Peter Wuhrers Anstellung zusammenhängt.












