BG Unfallklinik Tübingen
Autor: Kevin Schultes 15. Dezember 2011
Die BG Unfallklinik Tübingen ist spezialisiert auf Querschnittgelähmte
Die große Kreisstadt Tübingen, malerisch gelegen an der Peripherie der Schwäbischen Alb: Hier befindet sich am Stadtrand neben zahlreichen anderen Erhebungen der Schnarrenberg, von dem aus man eine eindrucksvolle Aussicht auf die Umgebung hat.
Der Schnarrenberg wird von zahlreichen Klinikgebäuden geprägt. Unser Besuch gilt einer von ihnen, der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik. Wir haben uns mit Prof. Kaps, dem Chefarzt der Abteilung für Querschnittgelähmte, Orthopädie und Rehabilitationsmedizin verabredet. Prof. Hans-Peter Kaps ist ein moderner „Gesundheitsmanager“, der neben der Querschnittabteilung, wie diese häufig vereinfachend genannt wird, auch der Abteilung für Berufsgenossenschaftliche Rehabilitation und Prävention vorsteht, sowie in zahlreichen Gremien im berufsgenossenschaftlichen Verbund vertreten ist. Von 2005-2007 leitete er überdies die Querschnittabteilung der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Ludwigshafen als Interimchef.
Neues Schlagwort: Multimodale akute Querschnittbehandlung
Kaps kam über die Orthopädie in Heidelberg, wo er als Wirbelsäulenchirurg arbeitete, zur Paraplegiologie. Sein Wirken versteht er als Mitarbeiter in einem interdisziplinären Team, das eine „multimodale akute Querschnittbehandlung“ anbiete. Bei diesem doch recht technisch anmutenden Terminus muss Kaps schmunzeln, weiß er doch um die Notwendigkeit, Begrifflichkeiten für die sich verändernden Strukturen im Gesundheitswesen zu finden. Ohne in der Vergangenheit zu schwelgen, gibt er doch zu, dass sich bei der Behandlung Querschnittgelähmter die Zeiten – im doppelten Sinn – deutlich geändert haben. In maximal drei Monaten muss heute ein Paraplegiker rehabilitiert werden, für einen Tetra gestehen die Kostenträger selten mehr als fünf Monate zu. Wenn alles ineinandergreift und es zu keinen Komplikationen kommt, so sieht Kaps dies als „Optimum“ dessen, was in der Behandlung Querschnittgelähmter darstellbar ist. Jede weitere Verkürzung bringe unweigerlich Abstriche bei den Behandlungserfolgen mit sich, was die Kostenträger jedoch nicht davon abhalte, auf eine weitere Begrenzung der Aufenthaltsdauer zu drängen. So ergebe sich zwangsläufig ein ständiges Ringen um jeden weiteren Tag Aufenthalt. Wenn nichts mehr helfe, und eine umfassende Rehabilitation nicht abgeschlossen werden könne, so werde die Weiterbehandlung an die Abteilung in Bad Wildbad verwiesen, wo der oder die Betroffene in der Regel weitere vier bis sechs Wochen zugestanden bekomme.
Klinikpersonal schlägt Alarm
Fachkräfte weisen mit dramatischen Worten auf Defizite der Rehabilitation hin. „Es ist eine Katastrophe, in welchem schlechten Zustand Menschen mit einer kürzlich erlittenen Querschnittlähmung entlassen werden“, so eine leitende Physiotherapeutin einer angesehenen Klinik zum RehaTreff. Viele zweifeln die Professionalität von Nachsorgeeinrichtungen an, in denen Querschnittgelähmte weiterbehandelt werden. „Oft ist beispielsweise nur eine unzureichende Betreuung zur Dekubitus-Prophylaxe gegeben“, berichtet die Fachfrau weiter. „Am Ende zahlen die Kassen dann doch den Preis, nun um die Wundstellen zu heilen.“ Was sagt der erfahrene Mediziner: Kann ein Betroffener diesen schwerwiegenden Einschnitt im Leben psychologisch in nur 90 Tagen verarbeiten? Prof. Kaps erklärt überzeugt, dass „der oder die Betroffene in dieser kurzen Zeit kompetent und umfassend versorgt wird; letztlich muss es jedoch darum gehen, die zu behandelnde Person in kürzester Zeit fit für den Rollstuhl und die Aktivitäten des täglichen Lebens zu machen. Die Querschnittlähmung wird erfahrungsgemäß sehr unterschiedlich verarbeitet. Einzelne kompensieren innerhalb weniger Wochen, andere benötigen dazu Monate oder gar Jahre.“
Rollstuhltraining auf Pflasterstein
In Tübingen verfolgt man dieses Ziel mit intensiver Therapie und einem Rollstuhltraining, zu dem auch Touren in das nicht barrierefreie Zentrum der Universitätsstadt gehören. Bei diesem Stadttraining kommen alle Fahrtechniken zum Einsatz, um dem angehenden Rollstuhl-Nutzer einen maximalen Mobilitätsradius zu ermöglichen. „Ziel ist, dass Rollstuhl und Fahrer eine Einheit bilden. Der Rollstuhlfahrer soll nach Gefühl fahren, ohne darüber nachzudenken“, berichtet Prof. Kaps. Überhaupt betont der Chefarzt den lebenspraktischen Bezug. Auch die kurzen Erprobungen im häuslichen Umfeld und die Probewochenenden dienen dazu, den oder die Betroffene frühzeitig auf die Zeit nach der akuten Querschnittbehandlung vorzubereiten.
Trotz der immer stärkeren Abstriche durch die Kostenträger sei die Tübinger Spezialabteilung mit 26 Betten durchgehend gut belegt. „Bei Bedarf nutzen wir weitere stationsnahe Zimmer, in der die weniger stark behinderten Patienten untergebracht werden und kommen auch mal auf eine Gesamtbelegung von über 30 Betten.“
Speziell für Beatmungspatienten und Hochgelähmte
Bereits seit 1974 widmet man sich in der geografischen Mitte Baden-Württembergs der Behandlung von Querschnittgelähmten. Seit Mitte der 1980er erfolgt dies in einer eigenständigen Abteilung. Obwohl BG-Klinik, werden in den Einzel-, Zwei- und Dreibettzimmern nicht nur BG-Patienten untergebracht, sondern zu ca. 50 % auch gesetzlich Versicherte. Zwei Behandlungsplätze sind speziell für beatmungspflichtige Patienten eingerichtet. Bereits früh hat man sich in Tübingen auf hochgelähmte Patienten spezialisiert und in diesem Bereich langjährige Erfahrung sammeln können. Zum Behandlungskonzept für beatmungspflichtige Patienten gehöre auch das Angebot eines Zwerchfellnervenschrittmachers, der im günstigsten Fall ein Beatmungsgerät überflüssig mache, so Prof. Kaps.
Ein qualifiziertes Team
Das bereits erwähnte interdisziplinäre Team besteht aus spezialisierter Pflege, einer Physiotherapieabteilung, Ergo- und Sporttherapie sowie dem psychologischen Dienst. „Unsere tägliche „Lagebesprechung“ dient dazu, alle auf den gleichen Stand zu bringen und die Verweilzeit in der Klinik optimal zu nutzen“, so der Klinikchef. Die ärztliche Leitung wird von den Kollegen Privatdozent Dr. Badke, Chefarzt der Wirbelsäulenchirurgie, und Oberarzt Dr. Baron ergänzt. Die Tübinger Spezialabteilung arbeitet darüber hinaus im Verbund mit hauseigenen Abteilungen und umliegenden Kliniken, sodass sämtliche Maßnahmen, die bei Komplikationen bei Querschnittlähmung auftreten können, abgedeckt werden können. Hier erwähnt Kaps vor allem die ganze Bandbreite der Wirbelsäulenoperationen sowie den oben genannten Schwerpunkt in der Behandlung von beatmungspflichtigen Patienten.
Peer Counceling
Fest verankert im Tübinger Behandlungskonzept und wichtiger Bestandteil der akuten Querschnittbehandlung sei auch der Erfahrungsaustausch unter Betroffenen. Auf der Station stehen mit Rainer Eisenmann und Norbert Jakobi zwei erfahrene Rollstuhlfahrer als Ansprechpartner zur Verfügung, die in wöchentlichen Sprechstunden konsultiert werden können. Die Bedeutung dieser Informationen aus „erster Hand“ können sicher alle Rollstuhlfahrer bestätigen.
Wo liegt die Zukunft?
Wir sprechen den ausgewiesenen Fachmann auf den Reha-Treff-Artikel über Exoskelette an (Ausgabe 2/2011), also über Roboter, die Querschnittgelähmten ein Gehen ermöglichen sollen. Nur zurückhaltend äußert er sich, verweist aber auf die Forschung im Bereich der Behandlung und Heilung der Paraplegie. „In den vergangenen 20 Jahren sind große Verbesserungen hinsichtlich der Behandlungserfolge bei Querschnittgelähmten erzielt worden. Unter anderem durch die bessere Bergung und Erst-Behandlung konnte die Überlebensrate bei hohen Tetraplegikern stark verbessert werden. Die Patienten werden schneller mobilisiert und der allgemeine technische Fortschritt erleichtert die Wiedereingliederung.“
Dieser Prozess sei jedoch ein stetiger, kontinuierlicher, ohne Quantensprünge: „Eine ähnliche Entwicklung erwarte ich auch für die Zukunft hinsichtlich der Rückenmarkregeneration.“
Zum Schluss berichtet der Tübinger Chefarzt von Ansätzen, die er sieht. So gehört seine Abteilung zu einem Forschungsverbund, der eine Machbarkeitsstudie zu einem Medikament durchgeführt hat, das zukünftig die stark begrenzte Regenerationsfähigkeit der Nerven im Rückenmark verbessern soll.
Diese Studie könne erste Hinweise auf die Verträglichkeit eines solchen Medikamentes geben, bis zum Einsatz neuer Strategien zur Rückenmarkregeneration könnten jedoch noch ein bis zwei Jahrzehnte vergehen, sagt er. Grundsätzlich hält Prof. Kaps eine funktionelle Verbesserung für machbar. Deswegen sei es auch sinnvoll, in anderen Bereichen, zum Beispiel mit Stammzellen, zu forschen. Vor einer allzu großen Euphorie warnt er aber, „dies haben mich die Entwicklungen der letzten 20 Jahre gelehrt.“
Infobroschüren
Die Tübinger Spezialabteilung bietet eigene Broschüren für Querschnitt-Patienten. Die Informationsbroschüren „Paraplegie“ und „Tetraplegie“ wenden sich an Patienten auf der Station, um sie mit den Begrifflichkeiten der „Querschnitt“-Welt vertraut zu machen und ihnen auch über die Zeit auf der Station hinaus Ratschläge an die Hand zu geben. Diese sehr sinnvolle und wichtige Arbeit, die vorbildlich den großen Informationsbedarf der Patienten und ihrer Angehörigen bedient, schließt ein wenig die Lücke, durch die nicht mehr alle Themen während der verkürzten Akutbehandlung besprochen werden können.
Eine weitere Faltbroschüre bietet einen kurzen Überblick über die Leistungen und Ansprechpartner der Abteilung für Querschnittgelähmte, Orthopädie und Rehabilitationsmedizin in Tübingen. Letztere kann bei Interesse im Sekretariat angefordert werden.
Nachfragen?
Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Tübingen
Abteilung für Querschnittgelähmte, Orthopädie und Rehabilitationsmedizin
Tel. 07071 606 1046












