Glosse
Autor: Werner Pohl 20. Dezember 2011
Gleichstellung auf Niederländisch
Tag für Tag landen auf dem Schreibtisch einer Zeitschriftenredaktion Meldungen, die gewichtet und bewertet sein wollen. In der Zeit um den 1. April herum ist Vorsicht geboten, denn da versuchen Witzbolde schon mal gerne, die Medienschaffenden mit fingierten Nachrichten hinters Licht zu führen. Aber die Meldung, um die es in diesem Beitrag geht, erreichte unsere Redaktion im Oktober – Aprilscherz ausgeschlossen!
Die niederländische Bahngesellschaft NS schafft 131 neue Nahverkehrszüge an. Ein Novum: In diesen Zügen wird es keine Toiletten mehr geben. Damit spart das Unternehmen nach eigenen Angaben 90 Millionen Euro. Da mit dieser Entscheidung zwar die Zugtoiletten ab-, nicht aber allfällige Bedürfnisse der Reisenden aus der Welt geschafft sind, hat sich die Bahngesellschaft etwas einfallen lassen. In dringenden Fällen stellt das Unternehmen den Fahrgästen Pinkeltüten zur Verfügung. Diese können – so der Plan – in einem ansonsten dem Lokführer vorbehaltenen Abteil genutzt werden.
Natürlich ist das Ganze genau so lächerlich wie es sich zunächst anhört. Aber wem ist schon nach Lachen zumute, wenn der Ernstfall eintritt? Fakt ist: Demnächst werden Bahnreisende im niederländischen Nahverkehr im Zugführerabteil in Tüten pinkeln. Wie das konkret vonstatten gehen wird, ob es nach Geschlechtern getrennte Tüten geben wird, und was geschehen wird, wenn, Gott behüte, eine noch substantiellere Notwendigkeit droht als die der Flüssigkeitsentsorgung – da mag ein jeder seiner Phantasie freien Lauf lassen.
Vorsorglich hat der Vorsitzende der Deutschen Kontinenz Gesellschaft, Prof. Dr. med. Klaus-Peter Jünemann, die Bahn AG in einer Pressemitteilung schon einmal davor gewarnt, sich ein Beispiel an den Kollegen im Nachbarland zu nehmen. Er weist darauf hin, dass von Inkontinenz Betroffene sich ohnehin oft kaum aus dem Haus trauten vor Angst, unterwegs nicht rechtzeitig eine Toilette zu finden.
Aus der Perspektive all jener, die für ihre Blasenentleerung auf die Nutzung von Kathetern angewiesen sind, also viele Querschnittgelähmte, Parkinson- oder MS-Kranke zum Beispiel, hat das Ganze ja sogar etwas Integratives. Die pinkeln schließlich – vor allem unterwegs – quasi gewohnheitsmäßig in die Tüte, und brauchen deswegen streng genommen auch keine Toilette, hätten aber doch gerne eine Tür, die sie hinter sich zumachen können. Mindestens zum PR-Desaster muss der Tüten-Coup für die niederländische Bahn also nicht geraten. Sie sollte das Ganze schlicht und einfach als Gleichstellungsmaßnahme verkaufen.












