Erste offene Gehschule in Thüringen eröffnet
Autor: Roland Zahn 20. Dezember 2011
Wohlbefinden für Beinamputierte – eine Vision, deren Realisierbarkeit oft bezweifelt, aber doch ersehnt wird. Wer Wohlbefinden erreichen möchte, muss geduldig arbeiten. Amputierte müssen sich zunächst an den neuen Schaft, einen neuen Fuß, ein neues Gelenk gewöhnen, Schmerzphasen akzeptieren und überstehen, mit ihrer Prothese neu laufen lernen. Beweglichkeit und Lebensqualität zurückerobern ist das Ziel. Mit Gehen geht der Weg zurück ins Leben! Mit Prothesen Gehen lernen, dafür gibt es spezielle Schulen. Das Angebot ist bisher begrenzt. Umso erfreulicher ist, dass jetzt in Thüringen eine erste offene Gehschule eröffnet hat.
Das Angebot einer Gehschule gibt es bislang nur in sehr wenigen Kliniken, zum Beispiel in der Moritzklinik Bad Klosterlausnitz in Thüringen oder in der Klinik Enzensberg im Allgäu. Sanitätshäuser bieten ihren Kunden gelegentlich einfache Trainingsmöglichkeiten an. Nach der Amputation reicht die Teilnahme an der Gehschule einer Reha allerdings oft nicht aus, und die Hoffnung, dass alles Weitere dann „seinen Gang“ gehe, trügt. Denn jede neu gefertigte Prothese bedarf des neuen Übens.
Ausstattung des Parcours
Ein kompl
etter Gehschul-Parcours zum Laufen Lernen und Trainieren, in einem Sanitätshaus, im Team mit Gehschultrainer, Techniker und Physiotherapeut, mit individuellem Trainingsprogramm, offen für jeden - das ist neu. Ob Gehbehinderung oder -beeinträchtigung, wer Unsicherheiten und Fehlbelastungen abbauen möchte, wer seinen Aktionsradius gehend erweitern will, wer Freude an der Bewegung hat, für den ist diese Einrichtung geeignet. Nicht zuletzt minimiert er damit doch auch zusätzliche Gesundheitsrisiken.
Ich bin zur Eröffnung eingeladen und reise mit meiner Oberschenkelprothese per Bahn an. Am Bahnhof von Triptis holt mich Kai-Uwe Ramig ab. Kai ist stellvertretender Leiter der Selbsthilfegruppe „Steh auf“ in Gera und selbst unterschenkelamputiert. Schnell erreichen wir das Sanitätshaus Rosenau GmbH, die Thüringer Zentrale des Hamburger Unternehmens.
An die 100 Gäste sind der Einladung gefolgt. Der Gehschulraum steht im Zentrum des Interesses. Ein etwa zehn cm hohes Podest umrahmt diesen Raum an den Wänden, darauf Bald kommt noch ein Außenbereich dazu. Alles ist genau richtig für die Konfrontation der noch unsicheren Füße der Amputierten mit wechselnden Situationen im Alltag. Muskelkraft, Geschicklichkeit und der sichere und ökonomische Umgang mit der Prothese am Berg und an Stufen werden an der Rampe in der Raummitte trainiert.
Im Geiste spüre ich bereits Schweißperlen auf der Stirn. „Mit der Zeit wird man immer weniger von Hemmnissen und Bedenken, Ängsten und Fluchtgedanken beherrscht und Herr der Situation“, tröstet mich Gehschultrainerin Manuela Soyka vorab. Sie ist unterschenkelamputiert. Unter ihrer fachgerechten Anleitung wird hier individuell und unkompliziert vorgegangen. Das Motto: „Herr, lehre mich die Kunst der kleinen Schritte“, von Antoine de Saint-Exupéry.
Wie kam es dazu?
Gerd Kästel, Leiter der Geraer Selbsthilfegruppe „Steh auf“, lernte 2007 in Magdeburg Mandy Küsel kennen, eine oberschenkelamputierte Gehschullehrerin. Aus dieser Begegnung bildete sich in Gesprächen innerhalb der Selbsthilfegruppe die Idee, in einem Sanitätshaus eine Gehschule auf stabile Beine zu stellen. In dieser Gruppe ist Manuela Soyka seit 2010 aktiv.
Dank der allseitigen Hilfsbereitschaft war die Umsetzung unkompliziert. Ein geeigneter Raum im Sanitätshaus Rosenau in Triptis stand zur Verfügung, Architekt Horst Gröschel unterstützte das Projekt. Manuela Soyka ließ sich als Gehschultrainerin zertifizieren, und Tobias Hähnel, Geschäftsführer des Sanitätshauses, gab ihr eine Festanstellung. Auch die Techniker des Sanitätshauses nahmen an der Zertifizierung teil.
Nicht nur für Prothesenträger
Auch für andere Mobilitätseingeschränkte soll diese Einrichtung offen sein. Die Leistungen sind vielfältig: Stumpf- und Prothesenpflege, Koordinations- und Gleichgewichtsübungen, Erarbeiten der Spiel- und Standbeinphase, Ganganalyse, Alltagstraining und Geschicklichkeitsparcours, Angehörigenberatung, Vermittlung von Therapeuten und Ärzten. „Daneben empfehlen wir allen Betroffenen, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen“, betont Trainerin Manuela Soyka. „Da kann man von den wichtigen Informationen von Betroffenen profitieren und an interessanten Unternehmungen der Gruppe teilhaben und auf diese Weise ein wenig die eigene Isolation vergessen.“
Gerd Kästel, Chef von „Steh auf“, ist von der Bedeutung dieses Angebotes überzeugt: „Wenn die Krankenkassen, die Unfallkasse Thüringen, Ärzte aus Rehakliniken, die Fachstelle für betriebliche Sozialarbeit Chemnitz, Physiotherapeuten, Industrie und Betroffene sowie Gutachter sich ausgesprochen positiv über ein Projekt „Gehschule“ äußern, dann möchten wir schon behaupten, den Anfang eines sehr wichtigen Netzwerkes für betroffene Menschen mit organisiert zu haben.“ Als Betroffene, mit einer Ausbildung zur examinierten
Pflegefachkraft und der Zusatzausbildung als Gehschultrai-nerin, sei Manuela Soyka besonders geeignet, diese Gehschule zu leiten.
Ab sofort können sich Selbstzahler anmelden. Die Stunde kostet 60 Euro. „Drei Stunden, verteilt auf zwei, drei Wochen, bringen anfangs schon sehr viel“, ist Manuela Soykas Erfahrung. Das Training ist intensiv und nach 45 Minuten spüren die Teilnehmer deutlich jeden Muskel. Empfohlen wird, dass man bei einem ersten Besuch Orthopädietechniker oder auch Physiotherapeuten mitbringt. Bei einem neuen Prothesenschaft besteht ohnehin schon der Anspruch auf Gehschultraining und Lauf- und Stehübungen. Interdisziplinäres Arbeiten wird immer wichtiger. Es ist angestrebt, dass die Krankenkassen und Berufsgenossenschaften dieses Gehschulangebot in den Leistungskatalog aufnehmen. Kliniken bieten, poststationär nach der Reha, täglich ein bis zwei Stunden Gehschule an, aber wahrscheinlich nicht so individuell.
Auf dem Parcours der Natur
Ein spezielles Angebot ist für Mai 2012 in Vorbereitung. „Mobiler durch Miniwanderungen“ ist das Motto. Direkt im Anschluss an die Leipziger Orthopädie- und Reha-Messe findet vom 19. bis 23. Mai 2012 das erste „Prothesencamp“ statt. Dabei können Amputierte ihr Leistungsvermögen aufbauen. Innerhalb dieser fünf Tage stellen sich die Teilnehmer in Gruppen systematisch den langsam steigenden Anforderungen. Auf Feld- und Waldwegen beginnen sie mit den wichtigen „Kleinen Schritten“, um am Ende unbemerkt eine Strecke von fünf Kilometern zurückzulegen. Das Programm beinhaltet auch den Gehschulparcours und wird abgerundet durch Erfahrungsaustausch und Vorträge zu Bewegung, Ernährung, Selbsthilfegruppen und zur Gehschule.
Mein C-Leg Kniegelenk und ich wollen jetzt auch mal üben. Als die Besucher nicht mehr so dicht auf dem Parcours stehen, teste ich den Untergrund. Toll, wie ich zuerst die ehemalige Wade und Ferse spüre, dann das Abrollen des „Fußes“ knirschend über Stein und Kies, leicht abdrehend über Sand, lebensecht gefühlt bis zu den gewesenen Zehen, ganz so, wie ich es schon aus der Natur kenne. Ich laufe währenddessen auf Spiegel zu und kann die eigene Bewegung kontrollieren. Ein Erlebnis, das Sicherheit vermittelt.
Egon Griebel, Leiter der Selbsthilfegruppe für Bein- und Armamputierte Coburg e.V., zeigt uns, was man ganz easy mit zwei Unterschenkelprothesen tun kann. Die Rampe ist ordentlich steil. Der Spaß nimmt zu. Ganz klar, da kommen die Gedanken auf, dass man jetzt doch – vielleicht? oder ganz bestimmt? – mehr unternehmen könnte! Denn dann fühlt man sich ja auch besser, oder?












