Inklusion in der Schule – Länder haben Nachholbedarf

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(Foto: CC BY 2.0, Christoph Brammertz)

Vor fünf Jahren trat die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft. Damit verpflichtete sich Deutschland, die Inklusion in der Bildung an den Schulen umzusetzen. Ziel dabei ist es, Kinder mit Behinderung genauso zu fördern wie Lernschwache, Migranten und Hochbegabte. Da Bildung Ländersache ist, gelingt die Umsetzung in den 16 Bundesländern in unterschiedlichem Maße. Es gibt Vorbehalte bei Eltern, Ängste bei Lehrern und Streit um die Kosten. Wie Inklusion bundesweit funktionieren kann, zeigt ein Kongress der Deutschen Unesco-Kommission in Bonn auf.

Im Schuljahr 2011/12 lag die Inklusionsquote laut einer Studie für die Bertelsmann-Stiftung im Bundesdurchschnitt bei 25 Prozent. Vorreiter waren Bremen (55,5 Prozent) und Schleswig-Holstein (54,1 Prozent). In Niedersachsen wurden nur 11 Prozent der Förderschüler in einer Regelschule unterrichtet. In Nordrhein-Westfalen ist es aktuell etwa jeder vierte.

In den Ländern, in denen es schon vor der Unterzeichnung der Konvention fast normal gewesen sei, dass Kinder mit Lern-, Sprach- oder Sehbehinderungen mit nicht behinderten Kindern gemeinsam unterrichtet werden, sei die Inklusion als logische Fortsetzung erschienen, sagt die Vorsitzende des Expertenkreises «Inklusive Bildung», Ute Erdsiek-Rave. In anderen Bundesländern, in denen die Integrationsquote niedrig war, habe es wegen mangelnder Erfahrung Probleme gegeben. Jetzt gelte es, Überzeugungsarbeit zu leisten.

Erdsiek-Rave appelliert an Bund, Länder und Kommunen, die Entwicklung zur inklusiven Bildung zu ihrer gemeinsamen Sache zu machen. «Es ist eine nationale Aufgabe.» Es gebe viele Wege, auf denen der Bund den Bildungseinrichtungen helfen könne, sagt sie mit Blick auf den Streit um die Finanzierung. Sie äußert die Sorge, dass die Diskussion um die Ressourcen das Menschenrechtsanliegen verwässert.

Die Zusatzkosten für die inklusive Bildung sind nach Aussage des emeritierten Bildungsökonomen von der Universität Duisburg-Essen, Klaus Klemm, schwer zu erheben. Berechenbar seien die Mehrausgaben für das lehrende Personal, sagt er. In einer Studie aus dem Jahr 2012 kommt er auf einen Mehrbedarf von etwa 700 Millionen Euro. «Nach meinen aktualisierten Berechnungen gehe ich von 550 Millionen Euro aus.» Unmöglich aber sei es, die notwendigen Aufwendungen für Um- und Ausbauten an den Schulen zu beziffern.

Einen kompletten Umbau des gesamten Schulsystems fordert der Erziehungswissenschaftler Georg Feuser. Nur so sei die Verwirklichung der Inklusion zu erreichen. Er halte es für außerordentlich gefährlich, dass man Kinder in die Regelschule integriere, ohne diese so zu verändern, dass dort ein optimiertes Lernen möglich sei, sagte Feuser im «Deutschlandradio Kultur». Er beobachte, dass deshalb in allen Bundesländern «Rest-Sonderschulen» entstünden, in denen dann schulisch nicht integrierbare Behinderte landeten. «Das halte ich für eine außerordentlich große Problematik.» Dabei zeigten alle Studien, dass behinderte und nicht behinderte Schüler vom gemeinsamen Lernen profitieren.

(dpa)

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