Von Inklusion am Arbeitsplatz profitieren alle

Viele Unternehmen suchen Fachkräfte, Menschen mit Behinderung finden trotzdem kaum Jobs. Doch von Inklusion am Arbeitsplatz profitieren alle. Das zeigen Judith Schüttler und Osman Karcier von der SRH Pflege Heidelberg.

Team- und kommunikationsfähig zu sein behauptet heute fast jeder. Ob es stimmt, merken Kollegen oft erst im Arbeitsalltag. Sozialarbeiter Osman Karcier nimmt man dagegen sofort ab, wenn er sagt: „Ich habe gelernt, gelassen nach Lösungen zu suchen, wenn etwas nicht funktioniert.“ Denn im Rollstuhl muss er Problemen anders begegnen.

Teamgeist inklusive
Osman Karcier und Judith Schüttler (Foto: Jessica Landmann, SRH)

Dieses Potenzial kommt bundesweit nur zögerlich an: Während seit 2009 die Zahl der Arbeitslosen jedes Jahr durchschnittlich um 14 Prozent gesunken ist, ist sie bei Schwerbehinderten um acht Prozent gestiegen. Gleichzeitig finden Blinde oder Rollstuhlfahrer schwerer wieder einen Job, obwohl sie zum Teil höher qualifiziert sind, zeigen Daten der Agentur für Arbeit.

Dabei bringen Menschen mit Behinderung ganz neue Qualitäten ins Team, weiß Osman Karciers Kollegin Judith Schüttler: „Seit wir zusammenarbeiten, wird mir mehr und mehr bewusst, wie nicht die Behinderung, sondern das Umfeld einschränkt. Ein Rollstuhlfahrer setzt sich nicht einfach in den Zug, sondern muss aufwendig Hilfe organisieren. Ich wäre in so einer Situation sehr ungeduldig und zornig. Von Osman habe ich mir Gelassenheit und Flexibilität abgeguckt.“

Seit fünf Jahren sind Schüttler und Karcier ein Team in der SRH Pflege Heidelberg. Für den Pflegedienst des SRH Berufsförderungswerks beraten sie Menschen, die nach Unfall oder Krankheit auf Hilfe angewiesen sind. „Wir nutzen beide unsere fachlichen Fähigkeiten, unabhängig von der körperlichen Verfassung. So sollte Inklusion doch sein“, sagt Osman Karcier. Der 30-Jährige weiß, wovon er spricht: Abitur an einer integrativen Schule in München, Studium an der barrierefreien SRH Hochschule Heidelberg, dann der Job. So eine Laufbahn ist nicht selbstverständlich, trotz gültiger UN-Behindertenrechtskonvention.

Judith Schüttler vermutet dahinter falsche Vorstellungen der Arbeitgeber. Menschen mit Behinderung gelten häufig als weniger leistungsfähig. „Das Gegenteil ist der Fall. Leistung und gute Zusammenarbeit sind keine Frage körperlicher Fitness. Wir unterstützen uns gegenseitig. Ich bin Mutter und arbeite halbtags, habe also sozusagen ein zeitliches Handicap. Bei Terminen springt Osman oft für mich ein.“

Im Gegenzug weiß die 39-Jährige, wann ihr Kollege Assistenz benötigt. Weil Osman Karcier schlecht sieht, hilft sie ihm dabei, Formulare am Bildschirm auszufüllen und Mails zu verschicken. Oder sie holt Dokumente aus dem Drucker, der für ihn schwer zu erreichen ist.

Andere hätten vielleicht Bedenken, einen Kollegen mit Behinderung zu bevormunden. Bei diesem Gedanken grinst Osman Karcier nur breit. „Ich sage ja schließlich auch nicht nein. Je offener ich mitteile, wo ich Hilfe brauche, umso leichter findet sich eine Lösung.“ Inklusion geht deshalb für Judith Schüttler weit über das Thema Behinderung hinaus: „Entscheidend ist doch: Wie gehen wir als Gesellschaft miteinander um?“

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