Progressive Krankheitsverläufe und individuelle Fahrzeuganpassungen

Für Menschen mit neuromuskulären Erkrankungen wie Multipler Sklerose (MS), Muskeldystrophien oder Amyotropher Lateralsklerose (ALS) stellt sich oft die Frage, wie sie ihre Mobilität möglichst lange erhalten können. Mit dem Fortschreiten der Erkrankung nehmen Beweglichkeit und Kraft ab, sodass ein ursprünglich optimal angepasstes Fahrzeug irgendwann nicht mehr den veränderten Anforderungen entspricht. Eine frühzeitige Auseinandersetzung mit dem Thema hilft, rechtzeitig passende Lösungen zu finden.

Joachim Glück, Teamleiter des PARAVAN Fahrzeugvertriebs rät dazu, nicht erst zu handeln, wenn das Fahren kaum noch möglich ist. „Lieber schon früher an später denken. Wer rechtzeitig eine vorausschauende Lösung sucht, kann sich schrittweise an neue Bedienkonzepte gewöhnen und bleibt langfristig unabhängig.“ Die Beispiele von Wolfram und Wolfgang zeigen, wie sich individuelle Mobilitätslösungen langfristig anpassen lassen.

Wolfram: Anpassungen für eine sichere Zukunft

Wolfram erhielt vor 15 Jahren die IBM-Diagnose IBM (Inclusion Body Myositis), eine langsam fortschreitende Muskelerkrankung. Lange Zeit konnte er mit einem konventionellen Automatikfahrzeug problemlos fahren, doch in den letzten Jahren wurde das Lenken und Bremsen zunehmend problematischer. Er merkte, dass seine Kräfte schwanden und das Fahren immer mehr Konzentration erforderte. Schließlich wurde ihm klar, dass eine zukunftsfähige Lösung notwendig wird. „Mein aktuelles Fahrzeug fühlte sich nicht mehr sicher an. Ich wollte nicht warten, bis ich gar nicht mehr fahren kann, sondern eine Lösung finden, mit der ich auch in Zukunft mobil bleibe.“

Nach eingehender Beratung entschied er sich für einen Hyundai Staria mit dem Fahr- und Lenksystem Space Drive. Gas und Bremse steuert er nun über einen Gas-Brems-Schieber mit der linken Hand, gelenkt wird mit einer Rotationslenkung auf der rechten Seite, die mit minimalem Kraftaufwand bedient werden kann. Da seine Fingerbeweglichkeit eingeschränkt ist, werden seine Hände zusätzlich durch einen Dreizack stabilisiert. Um auch außerhalb des Fahrzeugs selbstständig mobil zu bleiben, nutzt er den Paravan PR 50 Elektrorollstuhl, den er gleichzeitig als Fahrersitz verwendet. „Das Mobilitätspaket muss einfach passen. Ich möchte nicht nur Auto fahren, sondern auch selbstständig in die Stadt oder in den Garten fahren können.“

Die Umstellung auf das neue System war anfangs ungewohnt. „Nach 50 Jahren hinterm Steuer komme ich mir vor wie ein Fahranfänger. Aber ich merke, dass das Zusammenspiel von Lenkung und Bremse immer besser klappt.“ Um seine Sicherheit weiter zu erhöhen, hat er sich für ein Fahrsicherheitstraining entschieden. Sein langfristiges Ziel ist eine Fahrt über das Stilfser Joch. „Ich weiß, dass das Übung erfordert, aber wenn ich da angekommen bin, dann weiß ich: Jetzt kann ich es!“

Wolfgang: Von kleinen Anpassungen zur individuellen Fahrzeuglösung

Auch Wolfgang kennt die Herausforderung, sich an eine fortschreitende Erkrankung anzupassen. Der ehemalige Autohausinhaber erhielt 2010 die Diagnose Multiple Sklerose. Während er in den ersten Jahren noch ohne größere Einschränkungen fahren konnte, wurde es mit der Zeit immer schwieriger, sein Fahrzeug sicher zu bedienen. Früh war ihm bewusst, dass er sein Auto nachrüsten muss, um weiterhin mobil zu bleiben. „Mir war klar, dass es nicht bei einer einzigen Anpassung bleiben wird. Ich wollte das Fahrzeug schrittweise so ausstatten, dass es mit meinen Bedürfnissen mitwächst.“

Im ersten Schritt ließ er Trittstufen einbauen, um den Einstieg zu erleichtern. Doch mit der Zeit wurde das Einsteigen mühsamer, sodass er sich für weitere Anpassungen entschied. Heute nutzt er seinen VW T6.1 mit einem Kassettenlift, der ihm den Einstieg mit dem Elektrorollstuhl ermöglicht. Eine Transferkonsole erleichtert den Wechsel auf den Fahrersitz. Gas und Bremse steuert er nun mit einem Gas-Bremshebel, gelenkt wird mit Hilfe des Multifunktionsdrehknaufs mit dem er unter anderem Blinker und Licht steuern kann.

Die Anpassung war für Wolfgang eine Veränderung auf Raten, die weiter flexibel nachrüstbar ist. „Ich hatte mein Leben lang mit Autos zu tun. Dass ich irgendwann nicht mehr fahren könnte, kann ich mir nicht vorstellen. Mobilität bedeutet für mich Unabhängigkeit. Solange es geht, werde ich fahren – nur eben ein bisschen anders als früher.“

Frühzeitige Anpassung sichert langfristige Mobilität

Die Beispiele von Wolfram und Wolfgang zeigen, wie wichtig es ist, fortschreitende Erkrankungen von Anfang an in die Fahrzeuganpassung einzubeziehen. Dies ist nicht nur ein zentraler Sicherheitsaspekt, sondern auch entscheidend für die langfristige Selbstständigkeit. Systeme wie das Fahr- und Lenksystem Space Drive lassen sich auch während der Nutzung individuell anpassen. „Oft höre ich: Ich komme ja noch zurecht. Doch wenn die Kraft plötzlich nachlässt, kann es zu gefährlichen Situationen kommen. Wer sich früh mit neuen Bedienkonzepten beschäftigt, bleibt nicht nur sicher, sondern auch langfristig selbstständig mobil“, sagt Mobilitätsberater Joachim Glück.

Moderne Technologien bieten heute vielfältige Lösungen – von alternativen Bediengeräten für Lenkung, Gas, Bremse oder Sekundärfunktionen bis hin zu Einstiegshilfen. Viele dieser Systeme lassen sich flexibel anpassen und erweitern, sodass sie mit den individuellen Anforderungen mitwachsen können. So bleibt Mobilität erhalten, auch wenn sich die körperlichen Voraussetzungen verändern.

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