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Rechtzeitig zum frühen Jahres-Highlight ist das gute Gefühl endlich zurückgekehrt. Nach einem schwierigen Jahr 2025 und der verpassten WM-Teilnahme sieht sich Para Bogensportlerin Flora Kliem zurück auf dem richtigen Weg und möchte bei den Europameisterschaften vom 28. April bis 2. Mai in Italiens Hauptstadt Rom sowohl im Einzel- als auch im Double-Wettbewerb angreifen. Dort tritt Kliem (27) gemeinsam mit EM-Debütantin Jule Lammers an – und das deutsche Duo strebt nach einer Medaille.
Bei den Paralympics vor zwei Jahren vertrat Flora Kliem als einzige Para Bogensportlerin die deutschen Farben, kämpfte in der Qualifikation vor den Augen von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Herzen von Paris um gute Ergebnisse und verpasste nur hauchdünn den Einzug ins Viertelfinale. Para Bogensport war in aller Munde, der Suchbegriff „Bogenschießen Paralympics“ schaffte es in den deutschen Google-Trends 2025 sensationell auf Platz acht und die Sportart erhoffte sich auch in Deutschland einen neuen Schub – auch dank Flora Kliem, die sich im Rahmen der European Para Championships 2023 im niederländischen Rotterdam durchaus überraschend ihr Ticket für die Paralympics gesichert hatte. Schließlich hatte sie erst wenige Monate zuvor einen schwierigen Schritt gewagt, der für weniger Schmerzen und mehr Lebensqualität sorgen sollte: Die Para Bogensportlerin des ASC Göttingen entschied sich für eine Amputation am linken Bein. In der Folge übte sie ihren Sport nicht mehr im Rollstuhl aus, sondern im Stehen. Die Qualifikation für Paris glückte auf Anhieb, der Paralympics-Traum nahm an Fahrt auf und die Spiele in Frankreich waren ein unvergessliches Erlebnis.
Doch ein Jahr später hatte sich der Wind gedreht. Die Pfeile flogen nach einer Umstellung der Technik nicht mehr wie gewünscht, die Ergebnisse verschlechterten sich, der Kopf begann zu grübeln. „Ich habe versucht, im Stehen nach dem Lehrbuch zu schießen, die Technik zu perfektionieren. Allerdings habe ich das Bogenschießen eben im Rollstuhl erlernt und mir über Jahre Bewegungsabläufe eingeprägt, so dass es mit der Umstellung nicht funktioniert hat. Ich habe viel trainiert und ausprobiert, aber die Ergebnisse haben einfach nicht gestimmt“, berichtet die 27-Jährige. 2025 – sportlich war es ein gebrauchtes Jahr für die Lehramtsstudentin. Die WM-Qualifikation verpasst und viele Frust-Momente, die es wegzustecken galt. Doch Flora Kliem hat es geschafft, für sich trotzdem das Positive herauszuziehen. „Es gibt mir Kraft, dass ich mich aus dieser schwierigen Situation gekämpft habe.“
Nach einem Schritt zurück soll es wieder nach vorne gehen: „Gibt mir Mut und Selbstvertrauen“

Inzwischen ist der Blick längst wieder nach vorne gerichtet. Die Technik-Umstellung hat sie teilweise korrigiert, an Feinheiten geschraubt. Zurück zu den Wurzeln sozusagen. Im Training läuft es seitdem deutlich besser. Im Präzisionssport mit dem Bogen können eben kleinste Details eine große Auswirkung haben. „Ich habe nicht nur ein besseres Gefühl, sondern auch bessere Ergebnisse auf der Scheibe. Das gibt mir Mut und Selbstvertrauen. Es fühlt sich endlich wieder wie mein Sport an“, betont Flora Kliem.
Unter zu großen Erwartungsdruck will sie sich vor den Europameisterschaften in Rom, die am 28. April beginnen, jedoch nicht setzen. „In der Qualifikation ist es mein Ziel, 550 Ringe zu schießen und mir eine gute Ausgangsposition für die Finalrunden zu sichern. Natürlich möchte ich im Einzel diesmal gerne unter den besten Acht landen und nicht wieder Neunte werden“, sagt die gebürtige Berlinerin. Die Konkurrenzsituation sei vergleichbar mit den Paralympics, da die stärksten Athletinnen – abgesehen von China und Indien – aus Europa kämen. Zudem sind auch neue und noch unbekannte Gesichter dabei. „Es wird spannend“, betont Kliem.
Das gilt auch für den Double-Wettkampf, den die Paralympics-Teilnehmerin gemeinsam mit EM-Debütantin Jule Lammers bestreiten wird. In einigen Weltranglistenturnieren schaffte es das deutsche Duo im nicht-paralympischen Wettkampf bereits mehrfach aufs Treppchen, nur der Sprung nach oben blieb bislang verwehrt. „Wir sind ein eingespieltes Team und das Format liegt uns. Dass wir im Finale unter Zeitdruck schießen müssen, tut uns gut“, erklärt Flora Kliem, die eine EM-Medaille als Ziel ausgibt. Auch Jule Lammers freut sich auf den gemeinsamen Wettkampf. „Da rechnen wir uns schon ein paar Chancen aus, weil das in der Vergangenheit immer gut geklappt hat“, sagt die 23-Jährige vom BSC Werlte im Emsland.
Jule Lammers vor EM-Premiere: Mit Lockerheit und Präzision
Lammers erlebt in Rom ihre EM-Premiere. „Ich freue mich mega doll auf die Wettkämpfe und bin richtig gespannt darauf, was mich erwartet. Mein Ziel ist es, dass ich möglichst locker durch die Qualifikation komme – und dann will ich mein Bestes geben in den Finalrunden und schauen, was dabei herauskommt“, erklärt die Sportlerin aus Haren. Wenn Jule Lammers ihre Faszination für den Para Bogensport beschreibt, fällt vor allem ein Wort: Perfektion. „Ich mag sowohl die Präzision, die es bei jedem Schuss braucht als auch, dass man das Ergebnis danach direkt sieht“, sagt die Athletin über den Reiz des Schießsports.
Ihre Inspiration dafür kam aus einer ungewöhnlichen Quelle: den Herr-der-Ringe-Filmen. Dort trifft der Elb Legolas mit jedem Schuss mühelos. Was in der fiktiven Welt von Mittelerde so einfach aussieht, erfordert in der realen Welt des Para Bogensports jedoch eine Menge harte Arbeit. Diese Erkenntnis sammelt Jule Lammers bereits ziemlich genau ihr halbes Leben. Denn so lange ist die 23-Jährige, die mit einer Fehlbildung der Wirbelsäule und des Rückenmarks zur Welt kam, inzwischen in ihrem Sport aktiv. Jetzt steht sie vor ihren ersten Europameisterschaften – ein Meilenstein in ihrer Karriere.
Als dritter deutscher Athlet tritt in Rom Sebastian Kollarek an. Der 22-Jährige bestreitet nach 2024 seine zweite EM in der nicht-paralympischen Klasse der Athleten mit Sehbehinderung.
Ergebnisse gibt es auf der Webseite des internationalen Verbandes.
Hier gibt es Informationen und einen Erklärfilm zu Para Bogensport.
Text: Kevin Müller / DBS
Foto: Flora Kliem




